Hannah
Was zum Teufel!
Der Zweit-Chance-Gefährte meiner Mutter ist der Lykan-König.
Ich kämpfe damit, alles zu verarbeiten, während ich auf dem Rücksitz eines der schwarzen SUVs sitze und unser kleines Haus hinter getönten Fenstern verschwinden sehe. Mama sitzt neben mir, die Handtasche mit weißen Knöcheln umklammert. So glücklich habe ich sie seit dem Tod meines Vaters noch nie gesehen.
Ich atme schwer vor Verwirrung. Nein. Das kann nicht passieren.
„Wohin genau fahren wir?“ frage ich.
„Zum königlichen Anwesen“, antwortet Mom, ihre Stimme kaum hörbar.
Königliches Anwesen. Nein … nein … nein.
Ich versuche, mein rasendes Herz zu beruhigen, lehne mich gegen den Ledersitz zurück und versuche zu verarbeiten, was gerade passiert. Ich schließe die Augen und flehe die Mondgöttin an, dass das alles nur ein Witz ist. Ein verrückter Traum.
Das ist schlecht. Das königliche Anwesen ist nicht einfach nur ein prunkvolles Grundstück – es ist sein Zuhause. Alexander – mein Peiniger. Der Junge, der mein Leben zur Hölle gemacht hat.
Nichts ändert sich, als ich die Augen öffne. Das ist real. Und es ist schlimm. Verdammt schlimm.
Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchen eiserne Tore aus der Dunkelheit auf – hoch und eindeutig uralt. Wir sind angekommen. Wachen treten aus einem kleinen Gebäude, um das Auto zu kontrollieren, bevor die Tore geöffnet werden.
„Willkommen in eurem neuen Zuhause“, sagt Mama leise, als wir uns der Villa nähern. Beim Anblick fällt mir der Kiefer herunter.
Der SUV hält am Fuße breiter Marmorstufen, die zu massiven Holztüren führen. Meine Beine fühlen sich wackelig an, als ich aussteige. Ich kämpfe damit, alles aufzunehmen. Das Haus. Es ist nichts, wie wir bisher gelebt haben.
Ein Mann tritt aus dem Palast. Groß und breit gebaut, mit grauem Haar. Es muss Kane selbst sein.
Der Lykan-König.
Mein neuer Stiefvater.
Er beginnt, auf uns zuzugehen, die Stufen hinunter, seine ganze Aufmerksamkeit auf Mama gerichtet. Ich rolle genervt die Augen bei diesem Anblick. Als er sie erreicht, nimmt er ihre Hände in seine und lächelt.
„Mira“, sagt er mit einem warmen Lächeln, „Willkommen zu Hause.“
Die Zärtlichkeit in seiner Stimme lässt meine Brust vor widersprüchlichen Gefühlen schwer werden. Er könnte niemals Vater ersetzen. Niemals.
„Kane, das ist meine Tochter“, sagt Mama und wendet sich zu mir, um mich in ihr Wiedersehen einzubeziehen. „Hannah, ich möchte, dass du Kane kennenlernst.“
Er mustert mich mit wunderschönen grauen Augen.
„Es ist mir eine Ehre, dich endlich zu treffen, Hannah“, sagt er und streckt die Hand aus. „Deine Mutter spricht ständig von dir.“
Zuerst zögere ich. Dann stößt mich meine Mutter mit dem Ellbogen sanft am Rücken.
„Danke, dass Sie uns Ihr Zuhause öffnen“, bringe ich hervor, ein gezwungenes Lächeln auf den Lippen.
„Unser Zuhause“, erwidert er. „Solange ihr es wollt.“
Bevor ich ihm sagen kann, was ich wirklich von ihm halte, öffnen sich die massiven Holztüren hinter uns.
Mein Blut gefriert.
Alexander tritt aus dem Haus, in dunklen Jeans und einem einfachen Hemd, das ihn auf unerklärliche Weise noch atemberaubender aussehen lässt.
„Ich will verdammt nochmal nicht hier sein–“ Seine Stimme klingt rau und kalt. Er hält inne, schaut zwischen Kane und mir hin und her. „Was geht hier vor?“
Scheiße.
„Ihr habt mich hierhergebracht, um die neue verdammte Magd und ihre Tochter zu sehen?“
„Alexander!“ ruft sein Vater scharf. Alexanders Augen lassen meine nicht los, die Verachtung in ihnen ist zu offensichtlich, um sie zu ignorieren.
„Schon die Uniform abgeworfen? Ich bin sicher, sie finden hier eine andere für dich.“
Es dauert einen Moment, bis es bei mir klickt. Oh. Die Party … zum Teufel mit ihm. Meine Mutter und Kane werfen uns beide merkwürdige Blicke zu. Ich bin froh, dass sie es einfach durchgehen lassen.
Kane tritt einen Schritt vor, die Stimme fest, aber kontrolliert. „Alexander, das ist Mira, meine Gefährtin. Und das ist Hannah, deine Stiefschwester. Ich erwarte, dass du sie mit Respekt behandelst.“
„Stiefschwester?“ Alexanders Lachen ist scharf und ohne jede Wärme, schneidet durch die Nachtluft wie eine Klinge. Er schaut seinen Vater mit etwas zwischen Verrat und Wut an. „Ihr macht wohl Witze. Sie? Das Stipendium-Mädchen aus der Schule?“
„Alexander, das reicht“, warnt Kane, seine Stimme sinkt zu einem gefährlichen Grollen.
Aber Alexander ist noch nicht fertig. Er richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf mich, und ich fühle mich unter seinem vernichtenden Blick schrumpfen. „Ist irgendwie lustig, oder?“ Er stößt ein humorloses Lachen aus. Es jagt mir Schauer über den Rücken. „Sieht so aus, als hättest du endlich dein Märchen-Ende bekommen, Aschenputtel. Von der Dienstmagd zur Prinzessin über Nacht.“ Seine Stimme trieft vor Sarkasmus. „Wie praktisch.“
„Sohn—“ beginnt Kane, aber Alexander unterbricht ihn.
„Nicht.“ Er hebt die Hand, der Kiefer so fest zusammengepresst, dass man die Muskeln zucken sieht. „Nicht Sohn zu mir sagen. Du verrätst mich. Mutter. Für das? Sie?“
Mamas Hand findet meine Schulter, drückt sanft. Ich spüre ihr Zittern — oder vielleicht ist es meins.
„Alexander, wag es ja nicht, Mira so anzusprechen!“ warnt Kane. Seine warme, königliche Fassade beginnt langsam zu schwinden.
Alexanders Brust hebt sich schwer vor unterdrückter Wut. Seine Brauen ziehen sich finster zusammen, während er mich anfunkelt. Mein Hals fühlt sich trocken an. Ich will hier nicht sein.
„Ich wollte dir das persönlich sagen“, sagt Kane, seine Stimme wird etwas sanfter. „Mira und ich—“
„Spare es dir.“ Alexanders Augen blitzen gefährlich im Licht, das aus der Villa fällt. „Ich will nichts von dir hören.“ Er schaut mich ein letztes Mal an, die Lippe kräuselt sich vor Ekel. „Du hättest als die verdammte Sklavin bleiben sollen, die du bist.“
„Alexander!“ Kanes Stimme knallt wie eine Peitsche, doch Alexander dreht sich bereits weg.
„Verschwende keine Zeit mit weiteren Vorstellungen. Wir kennen uns ohnehin schon gut“, wirft er über die Schulter. „Sogar deine kleine Herrin.“
Er stapft zurück zur Villa, die Schultern starr vor Wut, und hinterlässt eine schwere Stille. Die massiven Türen schlagen hinter ihm zu mit einem Knall, der durch meine Brust hallt.
Kane wendet sich wieder uns zu, und zum ersten Mal seit unserer Ankunft sieht der Lykan-König müde aus. „Ich entschuldige mich für das Verhalten meines Sohnes. Er wird sich fügen.“
Aber als ich diese geschlossenen Türen anstare, jedes grausame Wort erinnere. Jede Demütigung, die Alexander mir angetan hat, weiß ich es besser.
Er wird sich nicht fügen.
Und jetzt bin ich gezwungen, mit ihm zu leben.
Das ist nicht nur schlecht.
Das ist ein Albtraum.
„Alexander!“