Der Geheimnisvolle Mann

933 Worte
Lily Das Erste, was mir auffiel, war die Umgebung. Samtene Vorhänge rahmten die riesigen Glasflächen ein und gaben den Blick frei auf eine atemberaubende Skyline der Stadt – eine Welt, die meilenweit von meiner eigenen entfernt war. Während ich den gesamten Raum betrachtete, wiederholte sich in meinem Kopf nur ein einziger Gedanke. Was ist passiert? Verwirrung zog meine Brauen zusammen, während ich verzweifelt versuchte, die Bruchstücke der letzten Nacht zusammenzusetzen. Erinnerungen huschten wie flüchtige Schatten durch meinen Geist. Blitze von pulsierenden Lichtern, dröhnenden Bässen und der verlockenden Präsenz dieses geheimnisvollen Mannes neckten mein Bewusstsein. Ich kniff die Augen fest zusammen und versuchte, sie festzuhalten, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Vergeblich. Sie blieben so greifbar wie Rauch, der durch meine Finger gleitet. Sein Bild war verschwommen. Ich wusste, dass er attraktiv war, erinnerte mich an die tiefe Stimme, die sich mit meiner vermischt hatte – und doch konnte ich mich weder an sein Gesicht noch an seinen Namen erinnern. Mein Blick wanderte zu der Stelle neben mir, wo der rätselhafte Fremde nach einer Nacht mit mir hätte liegen sollen. Nur zerwühlte Laken zeugten davon, dass er da gewesen war. Mit einem Stöhnen stemmte ich mich in eine sitzende Position hoch und rieb mir die Schläfen, als könnte das meine Erinnerung zurückholen. Es fühlte sich an wie ein Puzzle, dessen Teile ich kaum zusammensetzen konnte. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ein leises, unerwartetes Klopfen durch den Raum hallte. Mein Puls raste, als die Tür ohne Zögern aufging. Ein Mann trat ohne Umschweife ein, was mich sofort in Alarmbereitschaft versetzte. An seiner Kleidung und dem warmen, geübten Lächeln, das seine Lippen umspielte, erkannte ich schnell, dass es sich um einen Butler handelte. Teils schockiert, teils fasziniert beobachtete ich, wie er sich bewegte und etwas mit sich trug. Er wirkte elegant und er… Er kam direkt auf mich zu. Mein Herz pochte wie wild, als ich auf das hinuntersah, was er in den Händen hielt – ein ordentlich gefaltetes Bündel Kleidung. Verwirrung traf mich wie ein Schlag. „Miss Lily, ich hoffe, es geht Ihnen heute Morgen gut“, begann er. Ich schluckte schwer. Selbst seine Stimme klang edel. „Ich wurde geschickt, um Ihnen diese Kleidung zu bringen und Ihnen mitzuteilen, dass die Limousine unten wartet, um Sie nach Hause zu fahren.“ Seine Worte hingen in der Luft. Limousine? Kleidung? Ich blickte an mir herunter – zu meiner wachsenden Verlegenheit trug ich nichts als zerknitterte Bettlaken, die notdürftig um mich geschlungen waren. Meine Wangen brannten vor Scham, als mir bewusst wurde, wie entblößt ich im Vergleich zu dem Mann vor mir war. Instinktiv zog ich die Laken enger an meinen Körper. „Oh… äh, danke“, stammelte ich und versuchte, mit dieser unerwarteten Wendung Schritt zu halten. „Aber… wer… wer hat Sie geschickt?“ fragte ich neugierig. „Ich bin im Auftrag eines anonymen Bewohners hier, Miss Grace. Er wollte sicherstellen, dass es Ihnen gut geht, und Ihnen eine Rückfahrtsmöglichkeit zu Ihrer Wohnung bieten.“ Er antwortete, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Das Gesicht des Butlers blieb eine undurchdringliche Maske, die nichts preisgab. Mir war klar, dass ich keine direkte Antwort bekommen würde. Ein Schock durchfuhr mich, als mir eine Erkenntnis kam. Woher kannte er meinen Namen? Ein Wirbelsturm aus Gefühlen brach über mich herein – Fassungslosigkeit über die Situation, in der ich mich befand, Scham über meinen Zustand der Entblößung und eine leise Enttäuschung bei dem Gedanken, dass meine Begegnung nichts weiter als ein One-Night-Stand gewesen war. Meine lückenhaften Erinnerungen und diese seltsame Begegnung ließen mich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Sobald er gegangen war, stand ich auf, um mich anzuziehen. Beim Auseinanderfalten strichen meine Finger über einen Stoff, der so weich war, als würde ich Luft berühren. Als ich auf das Kleid hinabsah, konnte ich nicht anders, als die exquisite Liebe zum Detail zu bewundern. Diese Kleidung hatte nichts mit dem gemein, was ich normalerweise besaß. Der eigentliche Schock kam, als ich sie anzog und feststellte, dass nichts verrutschte oder zwickte. Sie schien maßgeschneidert für mich zu sein. Woher um alles in der Welt kannten sie meine Maße? War das wirklich nur Zufall? Ich schob den Gedanken beiseite und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah… anders aus. Als wäre ich in eine andere Welt getreten, eine Welt, von der ich nie zu träumen gewagt hatte. Ich verließ das Zimmer und das Hotel, mein Herz schlug immer noch wild nach der Achterbahn der Gefühle, die ich gerade erlebt hatte. Der Butler – derselbe – wartete bereits. Obwohl sein Gesichtsausdruck weiterhin beherrscht blieb, lag eine subtile Sanftheit in seinem Blick. Mit einem kaum wahrnehmbaren, beruhigenden Lächeln führte er mich hinaus. Ich konnte dem Ort kaum einen Blick schenken, bevor ich schon draußen stand. Die kühle Luft stach auf meiner Haut. Ohne ein Wort deutete er auf die wartende Limousine. Mit mulmigem Gefühl betrachtete ich das Fahrzeug, bevor ich einstieg. Auf den weichen Polstern sitzend fühlte ich mich wie ein Fremdkörper in diesem viel zu luxuriösen Raum, der kaum real wirkte. Das Einzige, was mich nicht überwältigte, war der Blick nach draußen. Hinter den getönten Scheiben stieg die Sonne langsam auf und tauchte den neuen Tag in goldenes Licht. Während das Auto lautlos durch die beleuchteten Straßen glitt, fand ich Trost im sanften Summen des Motors. Meine Finger zeichneten gedankenverloren Muster auf die Armlehne – ein unbewusster Versuch, mich inmitten des Gefühlschaos zu erden. Schweigend erreichte ich mein Wohnhaus. Beim Betreten des Gebäudes lasteten Schock und Fragen noch immer schwer auf mir, als ich die Tür zu meiner Wohnung öffnete. Zu meiner Überraschung war bereits jemand da.
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