Kapitel 4

995 Worte
Ryker Mein Kiefer war so fest zusammengepresst, dass es schmerzte, während ich gegen die Tür lehnte. Minuten vergingen. Jeder konnte hereinkommen. Es wäre peinlich, wenn mich jemand in der Damentoilette erwischte. Doch ich konnte nur an sie denken. Ein bitterer Geschmack stieg in mir auf, als ich an ihren Gesichtsausdruck zurückdachte, doch ich unterdrückte ihn sofort. Warum sollte ich mich schuldig fühlen? Und meine Gedanken waren widerlich? Wie konnte sie das sagen, wo doch alles, was ich gesagt hatte, der Wahrheit entsprach? Sie war damals schließlich nur wegen des Geldes zu mir gekommen. Und jetzt hing sie schon wieder an Nathans Arm wie an einem Rettungsring. Ich hätte gar nicht erst herkommen sollen. Zerah bedeutete mir nichts. Es war mir egal, was sie dachte. Ich hatte sie nur angesprochen, um Nathan zu schützen. Ja. Genau das. Ich ignorierte alles andere, trat hinaus und kehrte zur Party zurück. Nathan und Alice unterhielten sich noch, von ihr keine Spur. Ich stellte mich neben Alice und bemerkte den leeren Platz. „Wo ist deine Begleitung?“, fragte ich neutral, ohne etwas preiszugeben. „Oh, Zerah? Sie ist gegangen. Familiäre Angelegenheit“, antwortete er. Also war sie deshalb verschwunden. Mein Kiefer spannte sich an, als ich hörte, wie vertraut Nathan ihren Namen aussprach. Er hatte keine Ahnung, wer sie wirklich war – weder von unserer Ehe noch von ihrem wahren Charakter. Rannte sie jetzt vor mir weg, weil ich ihr Spiel durchschaut hatte? Glaubte sie wirklich, sie könnte Nathan weiter täuschen? „Hoffentlich kommt sie gut nach Hause“, sagte Alice neben mir. „Sie braucht dringend Ruhe“, lachte Nathan und schüttelte den Kopf. „Sie ist schon weit über ihre Pflichten hinausgegangen, indem sie mir hierher gefolgt ist. Das steht nicht mal in ihrem Vertrag als meine Sekretärin.“ Sekretärin? „Deine Sekretärin?“, fragte ich und versuchte, meine Überraschung zu verbergen. „Ja, sie ist gegangen, bevor ich sie richtig vorstellen konnte. Sie arbeitet seit vier Jahren für mich. Ein richtiges Temperamentbündel. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich ohne sie zurechtgekommen bin“, seufzte er. Ein seltsames Gefühl von Erleichterung durchflutete mich, gefolgt von derselben bitteren Schuld. Ich zwang mich zur Ruhe. Ich hatte sie fälschlicherweise beschuldigt, eine Goldsucherin zu sein. Wenn ich an ihren Gesichtsausdruck zurückdachte, wurde die Schuld noch größer. Nein. Nur weil sie für ihn arbeitete, hieß das nicht, dass sie ihn nicht ausnutzen wollte. „Ist das wirklich, was du von mir denkst?“ Ihre Stimme hallte in meinem Kopf wider. Ich umklammerte mein Champagnerglas fester. Das würde nicht die letzte Begegnung mit ihr sein, solange sie für Nathan arbeitete. „Du musst sie ziemlich gut kennen, wenn du sie bittest, mit dir in diese Stadt zu ziehen“, bemerkte Alice trocken. „Ich kenne sie nicht besonders gut, aber ich würde es gern. Wenn sie mich ließe. Sie ist… eine außergewöhnliche Frau“, seufzte Nathan verträumt. Ich musste mich abwenden, um das bittere Gefühl in meiner Brust zu unterdrücken. Warum kümmerte es mich, was er über Zerah dachte? Warum machte mich der Gedanke, dass er sie mochte, so… wütend? Zum Glück wechselte Alice das Thema. Die Firmenfeier war ein voller Erfolg. Für einen Moment konnte ich mich zusammenreißen. Erst als ich allein in meinem Apartment war, drängten sich trotz des vielen Champagners die Gedanken wieder auf. Warum? Warum spürte ich nach all den Jahren immer noch diesen Sog zu ihr? Sie war nichts für mich – nur eine Vertragsehefrau für ein Jahr. Der Tag, an dem wir den Vertrag unterschrieben hatten, war das Ende gewesen. Warum konnte ich dann nicht aufhören, an sie zu denken? „Hast du in unserem einen Ehejahr auch nur ein kleines bisschen etwas für mich empfunden?“ Ich kniff die Augen zusammen, als ihre Stimme in meinem Kopf widerhallte. Diese letzten Worte von damals verfolgten mich immer noch. Und ich hasste es. Versuchte sie, mich zu verwirren? Welche Gefühle? Sie war nur eine Opportunistin, die sich als meine Frau angeboten hatte. Und trotzdem… Ich blickte auf den Ring an meinem Finger und fühlte… nichts. Nach all den Jahren, in denen Alice ständig ein- und aus dem Krankenhaus gegangen war, hatten die Falloways die Verlobung beschlossen. Es fühlte sich eher wie eine Formalität an. Schließlich war ich seit dem Tod meiner Eltern als Kind bei ihnen aufgewachsen. Ich war mit Alice zusammen groß geworden und hatte sie immer beschützt. Es war nur logisch, dass wir heiraten würden. Sie war meine Familie. Doch ich fühlte keine Freude. Es fühlte sich nicht richtig an. Ich fühlte nichts bei ihr – nicht wie bei – Ich schob den Gedanken gewaltsam beiseite. Ich redete Unsinn. Ich sorgte mich um Alice, und das reichte. Meine Familie verließ sich auf mich, und sie hatte etwas getan, das ich nie wiedergutmachen konnte. Sie hatte mich gerettet. Als ich vor sechs Jahren aus dem Koma erwacht war, hatte man mir erzählt, ich sei bei einem Unfall beinahe ertrunken. Alice hatte trotz ihrer eigenen schwachen Gesundheit ihr Leben riskiert und mich gerettet. Sie war die Einzige, um die ich mich kümmern sollte. Nicht Zerah. Niemand sonst. Zerah bedeutete mir nichts. Ich liebte Alice, und wir würden heiraten. Ich wiederholte diese Worte wie ein Mantra, bis die Dunkelheit mich übermannte. … Bilder flackerten durch meinen Kopf – wie Erinnerungsfetzen. Ich spürte das Ertrinken, spürte, wie ich hochgehoben wurde. „Es ist okay, Mr. Fremder. Du bist in Sicherheit“, flüsterte eine gedämpfte Stimme. Ich blinzelte gegen grelles Licht und sah – Schweißgebadet und keuchend fuhr ich hoch. Die Dunkelheit meines Schlafzimmers umfing mich. Ich hatte keine bewussten Erinnerungen an den Unfall. Nur hin und wieder waren Bruchstücke aufgetaucht, doch irgendwann hatten die Träume aufgehört. Das war das erste Mal seit Jahren, dass ich wieder etwas sah. Hektisch blinzelte ich und versuchte, das Bild festzuhalten. Es war verschwommen, aber ich hätte schwören können, dass ich eine jüngere… „Zerah?“, flüsterte ich laut in die Dunkelheit.
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