Lily
Das imposante Luminous Works Grand Hotel ragte über mir auf und übertraf alle anderen Gebäude. Seine Glasfassade funkelte im Sonnenlicht und verströmte einen Glanz, der mich gleichermaßen ehrfürchtig und eingeschüchtert zurückließ.
Ich stand regungslos am Eingang, mein Magen drehte sich vor Nervosität, während ich den Ort betrachtete.
Vor fast einem Monat war ich in dieses Hotel gekommen, um meinen Geburtstag zu feiern. Jetzt jedoch war ich aus einem völlig anderen Grund hier.
Ich holte tief Luft, schob die Drehtür auf und trat ein. Ich schaute mich im prunkvollen Foyer um. Es war unmöglich, sich an einen solchen Anblick zu gewöhnen.
Ich schluckte schwer und ging zur Rezeption.
„Entschuldigung. Mein Name ist Lilian Grace. Ich wurde hergebeten für ein … Vorstellungsgespräch?“ Innerlich zuckte ich zusammen, weil ich so zaghaft klang.
Was, wenn das alles nur ein Scherz oder ein Streich ist?
Bei dem Gedanken wurde mir heiß im Gesicht. Es wäre so demütigend.
Plötzlich ertönten hinter mir klackernde Absätze, doch ich achtete nicht darauf – bis eine Stimme direkt hinter mir erklang.
„Lilian Grace?“
Ich drehte mich schnell um. Vor mir stand eine junge Frau in einem leuchtend roten Hosenanzug. Überraschung durchflutete mich, als ich sie von Kopf bis Fuß betrachtete. Sie strahlte eine Eleganz aus, die mich sprachlos machte.
Meine Gedanken stockten, als mir klar wurde, dass sie mich meinte.
„Ja“, nickte ich steif. Sie erwiderte es mit einem höflichen Lächeln.
„Freut mich sehr, Sie zu sehen, Miss Grace. Sie können mich Emily nennen. Bitte folgen Sie mir.“
Ich nickte stumm. Sofort nach meiner Antwort drehte sie sich um und führte mich aus dem Foyer hinaus. Ich folgte ihr, meine Augen huschten umher und nahmen die üppige Umgebung in sich auf.
Sie führte mich weiter, bis wir schließlich einen privaten Raum betraten.
Der Raum war großzügig, eingerichtet mit einem Mahagonitisch und bequemen Sesseln. Ein riesiges Fenster bot einen atemberaubenden Blick auf die Stadt unter uns. Ehrfurcht erfüllte mich angesichts der Aussicht.
„Bitte nehmen Sie Platz, Miss Grace“, sagte sie und deutete auf den Stuhl neben sich.
Falls sie meinen vorherigen abwesenden Zustand bemerkt hatte, ließ sie es sich nicht anmerken.
Ich setzte mich schnell, die Nerven kribbelten vor Anspannung.
„Sie müssen nicht nervös sein“, sagte sie mit einem beruhigenden Lächeln.
„Zunächst einmal: Sie werden direkt mit dem CEO zusammenarbeiten – als seine persönliche Sekretärin.“
Ich zuckte zusammen.
„Wie bitte?“
Sie lächelte fest, fast mitfühlend. Doch ihre Worte drangen nur wie Rauschen zu mir durch, während ich versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Es blieb keine Zeit zum Nachdenken, denn Emily begann bereits mit einer ausführlichen Einweisung in die Stelle.
Während sie sprach, fühlte ich mich völlig überfordert. Ich konnte die neuen Informationen kaum aufnehmen, während ich ihr zuhörte.
Als sie fertig war, konnte ich die quälende Frage, die mich seit dem unerwarteten Jobangebot beschäftigte, nicht länger zurückhalten.
„Emily, ich bin sehr dankbar für diese Chance, aber ich bin neugierig: Wie hat Luminous Works mich gefunden?“
Ihre Miene flackerte für einen Moment, ein Hauch von Zögern blitzte in ihren Augen auf.
„Es war eine Entscheidung des CEO selbst.“
„Der CEO?“ wiederholte ich atemlos, die Verwirrung wich purem Schock.
Jeder kannte den Besitzer und CEO dieses Hotels – einen der größten Hotelmagnaten der Branche. Doch ihn wirklich zu kennen war nahezu unmöglich: Der Mann war ein Rätsel für sich. Er erschien bei keiner Veranstaltung, zeigte nie sein Gesicht. Das Einzige, was die Leute – mich eingeschlossen – über ihn wussten, war der Name des Hotels und sein eigener.
Alexander Sinclair.
Und jetzt sollte ich nicht nur für ihn arbeiten – er hatte mich persönlich ausgewählt?
„Ich habe mich hier nie beworben. Woher wussten die überhaupt von mir?“ fragte ich schließlich und kämpfte mit dem Schock.
Emily seufzte leise.
„Miss Grace, alles, was ich sagen kann, ist, dass Ihr Profil über … ungewöhnliche Kanäle zu uns gelangt ist.“
Ich runzelte die Stirn, verwirrt über die kryptische Antwort.
„Ungewöhnliche Kanäle?“
„Ich darf nicht mehr verraten. Kurz gesagt: Ihre Unterlagen haben herausgestochen, und der CEO war interessiert. Deshalb hat er Ihnen diese Gelegenheit angeboten.“ schloss sie.
Ich konnte ihrem Gesicht nichts entnehmen. Das ganze Geheimnis machte mich gleichermaßen fasziniert und unruhig. Ich schenkte ihr ein zittriges Lächeln.
„Ich bin wirklich dankbar für das Angebot, Emily, aber ich muss zugeben, das alles fühlt sich ziemlich … unkonventionell an.“
Sie nickte mitfühlend.
„Ich verstehe Ihre Bedenken, Miss Grace. Aber ich versichere Ihnen: Hier werden Sie gut aufgehoben sein.“
Ein zitternder Atemzug entwich mir. Erst gestern und jetzt das … alles war einfach zu unwirklich.
Als ich sie erneut ansah, kam mir noch etwas in den Sinn.
„Ähm … mir ist gerade klar geworden, dass eigentlich ein Vorstellungsgespräch stattfinden sollte.“ stammelte ich, nervös, ob ich etwas Falsches sagte.
Für einen Moment huschte Überraschung über ihr Gesicht, bevor ihr Lächeln in etwas Neckendes überging.
„Welches Vorstellungsgespräch?“