Lily
Während ich durch die Flure ging, summte mein Kopf vor Fragen und Unsicherheiten.
Emily hatte mich kurz nach ihrer rätselhaften Antwort verlassen. Zuvor hatte sie mir empfohlen, das Hotel zu besichtigen, und ich hatte zugestimmt und genau das getan. Doch jetzt, während ich umherlief, nahm ich kaum etwas wahr.
Das Geheimnis um mein plötzliches Jobangebot hatte sich noch vertieft, ebenso wie die Unsicherheit dahinter. Vor allem aber kreiste in meinem Kopf die zentrale Frage: Wie um alles in der Welt hatte dieser mysteriöse Mann ausgerechnet mich ausgewählt? Es musste doch sicherlich viel fähigere und erfahrene Kandidaten geben als mich.
Trotz all meiner Zweifel und Unsicherheiten konnte ich die Verlockung dieser neuen Chance jedoch nicht leugnen.
Ich zog mein Handy heraus und wählte eine Nummer. Nach ein paar Klingelzeichen nahm sie ab.
„Hey, Lily! Was gibt’s?“ Malinas Stimme schallte fröhlich durchs Telefon.
Ein Lächeln zupfte an meinen Lippen.
„Hey, Malina. Ich hab Neuigkeiten.“
„Was ist passiert?“ fragte sie neugierig.
„Ich hab einen Job“, sagte ich, die Stimme voller Begeisterung und Unglauben.
Einen Moment lang herrschte Stille am anderen Ende, und ich konnte fast hören, wie es in Malinas Kopf ratterte.
„Lily, das ist der Wahnsinn! Herzlichen Glückwunsch! Erzähl mir alles!“ drängte sie.
Ich lehnte mich gegen die Außenwand des Hotels und schilderte ihr die Details. Kaum war ich fertig, quietschte sie begeistert los, als wäre sie diejenige, die den neuen Job bekommen hatte.
„Das ist unglaublich, Lily! Ich freu mich so für dich. Du hast in letzter Zeit so viel durchgemacht – du verdienst diese Chance wirklich“, rief sie atemlos vor Aufregung. Ihre Begeisterung sprang auf mich über und machte mich noch leichter ums Herz.
Plötzlich wurde sie leiser, ihre Stimme weich vor Gefühl.
„Du hattest so eine harte Zeit, Lily. Du verdienst das, und ich weiß genau, dass du da drüben alles rocken wirst.“
„Ich hab nicht den geringsten Zweifel, dass du das wie eine Profi meisterst“, versicherte sie mir.
Ich konnte nicht anders als über ihr Vertrauensvotum zu lachen.
„Du bringst mich zum Erröten, Malina“, neckte ich sie.
Sie lachte herzlich zurück, was mich noch mehr zum Lächeln brachte.
„Und, wann fängst du an?“ fragte sie.
„Sie wollen, dass ich in ein paar Tagen anfange. Ich werde direkt für den Besitzer des Hotels arbeiten.“
Malinas Stimme überschlug sich vor Aufregung.
„Heilige … das ist … das ist der Hammer, Lily!“
Ich holte tief Luft, meine Finger umklammerten das Handy fester.
„Malina, es gibt da etwas, das ich dir über die Art und Weise, wie ich den Job bekommen habe, noch nicht erzählt habe.“
„Was meinst du?“ fragte sie verwirrt.
Ich zögerte einen Moment, meine Gedanken rasten.
„Ich … hab mich eigentlich gar nicht beworben, Malina. Sie haben irgendwie meine Unterlagen gefunden und mir die Stelle angeboten. Es ist … seltsam.“
Eine Pause entstand am anderen Ende, und ich konnte fast hören, wie es in ihrem Kopf arbeitete.
„Moment mal, Lily … das ist … wirklich komisch. Woher wussten die überhaupt von dir?“ fragte sie.
Ich nickte, obwohl sie es nicht sehen konnte.
„Genau das versuche ich ja herauszufinden.“
Der Gedanke an den gesichtslosen Fremden und die Hotelkarte blitzte auf, doch ich verdrängte ihn schnell.
Ich seufzte.
„Es fühlt sich an, als wäre mir der Job einfach in den Schoß gefallen. Ich versuche immer noch, das zu begreifen.“
Nach einer kurzen Pause fuhr ich fort:
„Aber … ich werde das Gefühl nicht los, dass sich mir vielleicht nie wieder eine solche Chance bieten wird.“
Schon gar nicht an einem Ort wie diesem, dachte ich bei mir. Nach Monaten der vergeblichen Suche so ein Angebot zu bekommen … es war, als würde man nach wochenlangem Durst endlich einen Fluss finden.
Egal, wie ich entdeckt worden war – ich konnte diesen Job auf keinen Fall ausschlagen.
Malina stieß einen resignierten Seufzer aus.
„Wenn du spürst, dass das der richtige Weg für dich ist, Lily, dann unterstütze ich deine Entscheidung. Versprich mir nur, vorsichtig zu sein und mich auf dem Laufenden zu halten.“
Ihre bedingungslose Unterstützung berührte mich tief, und ich versprach:
„Das tue ich, Malina. Wenn irgendwas passiert, bist du die Erste, die ich anrufe.“
„Lily, ich bin sowieso die Einzige, die du anrufen würdest“, sagte sie amüsiert.
Ich kicherte, ohne es zu bestätigen oder zu dementieren.
„Okay, okay. Ich melde mich, sobald ich wieder zu Hause bin.“
„Kein Ding, Mädchen. Bis später.“
„Tschüss, Malina!“ sagte ich und legte auf.
Mit dem Handy in der Hand durchquerte ich das Foyer des Hotels, meine Gedanken noch immer bei dem Gespräch mit Malina. Ich hatte ihr von dem unerwarteten Jobangebot erzählt, aber die Umstände, die dazu geführt hatten, sorgfältig ausgelassen.
Als ich mich dem Eingang näherte, fiel mir in der Ferne eine Gestalt auf – eine Silhouette, die mir seltsam bekannt vorkam. Mein Herz schlug schneller, als die Erkenntnis mich traf, und ich blieb wie angewurzelt stehen.
Dort, nahe dem großen Eingang, stand ein einzelner Mann, das Gesicht von mir abgewandt.
Seine Präsenz war unerwartet und elektrisierend – ein Ruck ging durch mich hindurch.
Er hatte mich noch nicht bemerkt, seine Aufmerksamkeit war auf etwas in der Ferne gerichtet. Ich nutzte den Moment, um ihn unauffällig zu mustern, mein Herz pochte vor einer Mischung aus Vorfreude und Unsicherheit. Seine große, schlanke Gestalt steckte in einem maßgeschneiderten Anzug, der sich perfekt an seinen Körper schmiegte. Die Art, wie er sich hielt – mit dieser selbstsicheren, starken Ausstrahlung – war so unglaublich vertraut.
Warum?
Bevor ich meine Gedanken ordnen konnte, wandte er sich ab und ging davon, bis er außer Sicht war. Mein Blick folgte ihm, bis er verschwand.
Mein Herz raste noch immer an der Stelle, an der er verschwunden war. Seltsamerweise konnte ich meinen Blick nicht abwenden.
Wer war er?