Lily
Mit diesen drei Worten wurde mein Kopf leer. Er erinnerte sich nicht an mich?
Ich wollte mich nicht beschweren – schließlich hatte ich ihn ja auch erst vor Kurzem erkannt –, aber trotzdem…
Ich schob die Gedanken beiseite und versuchte, mich zu fassen.
„Lilian Grace… Sir.“ antwortete ich.
Er schwieg, was meine Unruhe nur noch verstärkte. Langsam ließ er seinen Blick über meine Gestalt gleiten und musterte mich. Ich stand wie erstarrt da, während Hitze in meine Wangen stieg.
„Ihre Kleidung.“ sagte er tonlos.
Ich blinzelte und folgte seinem Blick nach unten. Ich trug eine blaue Bluse und einen schwarzen Rock – völlig bürotauglich. Nichts schien fehl am Platz. Doch als ich wieder aufsah, starrte er immer noch genau dorthin.
War etwas falsch?
Er hob den Blick wieder zu mir, eine Härte in den Augen, die mich wie ein Peitschenhieb traf.
„Tragen Sie nie wieder solchen Müll, wenn Sie diese Wände betreten.“ spie er aus.
Ich zuckte zusammen und wich einen Schritt zurück vor der Schärfe seiner Worte.
Aufrecht stehend fuhr er fort:
„Dieses Hotel steht für Luxus. Jeder Mitarbeiter repräsentiert dieses Hotel, solange er sich auf dem Gelände befindet. Billige, schäbige, schlampige Kleidung gehört nicht dazu.“
Seine harten Worte trafen mich wie ein Schlag und ließen mich taumeln.
„Verstanden?“ Er hob eine Augenbraue.
Tränen brannten in meinen Augen angesichts dieser brutalen Zurechtweisung. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter, bevor ich ihm ins Gesicht sah.
„Ja, Sir.“ presste ich hervor und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.
Ob er meinen Blick bemerkte oder nicht – er blieb völlig ungerührt. Ich unterdrückte den Schmerz. Vielleicht konnte ich die Situation noch retten.
„Sir, gibt es etwas, das ich —“
„Ich brauche nichts von Ihnen.“ unterbrach er mich scharf.
Seine Worte waren wie ein Faustschlag und raubten mir den Atem. Ich verstummte unter seinem Blick.
„Ich werde Sie in mein Büro rufen, wann immer ich Unterstützung benötige, und Sie leiten mir alle wichtigen Informationen weiter. Ansonsten arbeiten Sie wie gewohnt.“ sagte er.
„Ich kann nur hoffen, dass Ihre Fähigkeiten besser sind als Ihr Kleidungsstil.“
Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Seine eisblauen Augen bohrten sich in meine. Früher hatte ich sie faszinierend gefunden.
Jetzt empfand ich nur noch Kälte. So viel Kälte.
„An die Arbeit.“ befahl er und drehte sich ohne Zögern um.
Ich starrte auf seinen Rücken, während er davonging – eine schwere Last legte sich auf mich.
Ich hatte so sehr versucht, diesen Fremden zu vergessen – nur um ihn nun als meinen Chef wiederzufinden. Auch wenn ich jetzt wusste, dass er sich nicht an mich erinnerte, hatte ich irgendwie gehofft…
Ich wusste nicht, worauf ich gehofft hatte, aber sicher nicht auf das hier. Nicht auf diese rüden, verletzenden Worte und Befehle, die mich fast zum Weinen gebracht hatten.
Ein Arschloch. Er war ein absolutes Arschloch.
Ich wollte weinen. Ich wollte vor Wut schreien. Ich wollte mich in meinem Bett verkriechen und nie wieder herauskommen.
Aber ich war am Arbeitsplatz. Ich holte tief Luft, drehte mich um und ging in Richtung meines Büros.
…
In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich starrte an die Decke, die Ereignisse des Tages wirbelten durch meinen Kopf.
Was ich zunächst für eine plötzliche, wenn auch unerwünschte Enthüllung gehalten hatte, hinterließ nun einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge.
Alexander Sinclair. Mein One-Night-Stand und jetzt mein Chef, der sich nicht einmal an mich erinnerte.
Ich krallte die Finger in die Bettlaken.
Ich sollte nicht wütend sein. Angesichts dessen, wer er war, zweifelte ich nicht daran, dass er unzählige solcher Nächte erlebt hatte. Für mich galt dasselbe – also sollte es mich nicht kümmern.
Warum sollte es mich kümmern?
Der Nachhall seiner Worte brannte immer noch. Ich hatte schon viel Kritik einstecken müssen, aber noch nie war ich so gnadenlos heruntergemacht worden.
Ich erzählte Malina nichts davon; ich konnte ihre Reaktion förmlich hören: Augenrollen und ein spöttisches Schnauben.
„Was erwartet er denn von dir? Dass dir Gold aus dem Hintern kommt?“ würde sie fragen.
Ich lächelte bei der Vorstellung.
Aber das änderte nichts. Auch wenn ich jetzt wusste, wer er war – er erinnerte sich nicht an mich, und das hielt meine berufliche Welt frei von Komplikationen. Dieser Job war so außergewöhnlich, dass ich ihn um nichts in der Welt riskieren würde.
Plötzlich überrollte mich eine Welle von Übelkeit und unterbrach meine Gedanken. Mein Magen krampfte sich so heftig zusammen, dass kein Zögern möglich war.
In Panik sprang ich aus dem Bett und stürzte ins Badezimmer.
Ich erreichte das Waschbecken gerade noch rechtzeitig, bevor ich den Inhalt meines Magens erbrach.
Jeder Würgereflex war gewaltsam und schmerzhaft, presste meinen Körper noch tiefer über die Toilette. Nur meine Hände, die sich am Rand festklammerten, hielten mich aufrecht.
Als es vorbei war, rang ich keuchend nach Luft und hielt mich am Porzellan fest. Endlich öffnete ich die Augen und starrte auf das Chaos, das ich angerichtet hatte – Verwirrung und Schmerz mischten sich.
Was zum Teufel war passiert?
Ich drehte den Wasserhahn auf, wusch mir das Gesicht und sah zu, wie die schmutzigen Flecken im Abfluss verschwanden.
Mein Essen war weder verdorben noch abgelaufen. Es gab keinen Grund, so heftig auf etwas zu reagieren, das ich regelmäßig aß. Und vor allem war es aus heiterem Himmel gekommen.
War ich krank? Ein Virus?
Aber ich hatte vorher keinerlei Symptome gehabt und wurde auch sonst selten krank.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus. Mein Badezimmer, in seiner kalten Stille, war der einzige Zeuge dieses Moments.