Das Büro

1685 Worte
Lily „Komm schon, wo seid ihr?“ murmelte ich frustriert. Nach gefühlten Stunden der Suche fand ich endlich meinen Schatz. „Aha, da seid ihr ja!“ Erleichterung durchflutete mich, als ich das Minzkaugummi herauszog. Ich warf eines in den Mund; das flaue Gefühl im Magen ließ langsam nach. Als ich nach unten blickte, stöhnte ich über das Chaos, das ich bei meiner Suche angerichtet hatte. Alles, was in meiner Handtasche gewesen war, lag nun ausgebreitet auf dem Tisch. „Ugh, warum?“ murmelte ich leise und begann sofort, alles wieder einzupacken. Die Minze spülte den Nachgeschmack des Erbrochenen weg. Doch ich wurde die fast täglichen Übelkeitsanfälle, die mich plagten, einfach nicht los. Am Morgen nach dem ersten Vorfall hatte ich mich auf Krankheit eingestellt – nur um ganz normal aufzuwachen. Ich dachte, es wäre ein Einzelfall … bis ich kurz nach dem Mittagessen erneut erbrach. Dieser Teufelskreis dauerte nun fast eine Woche an, und ich tat mein Bestes, es zu unterdrücken. „Wenn das so weitergeht, muss ich wohl ins Krankenhaus“, murmelte ich widerwillig zu mir selbst. Ins Krankenhaus zu gehen war mein allerletzter Ausweg. Schließlich wäre Krankmeldung nach kaum zwei Wochen im Job beruflicher Selbstmord. Im Moment war das keine Option, die ich in Betracht ziehen wollte. Ich schob meinen Stuhl zurück, um unter dem Schreibtisch eine große Kiste mit Dokumenten hervorzuholen. Beim Versuch, sie hochzuheben, entwich mir ein zitternder Atemzug. Mit dieser Kiste durch die Bürogänge zu laufen fühlte sich an wie durch Treibsand zu waten. Ein Teil von mir wünschte sich, jemand wäre da, um zu helfen – doch seit meinem Start hatte ich es immer noch nicht geschafft, Bekanntschaften zu schließen. Abgesehen von höflichen Begrüßungen sprach ich kaum mit jemandem. Das würde mir jetzt sowieso nicht helfen – es war niemand zu sehen –, aber es war schön, es sich vorzustellen. Als ich zurückblickte, stellte ich fest, dass ich kaum die Hälfte des Weges geschafft hatte. Die Kiste fühlte sich tausendmal schwerer an und drohte meinen zitternden Fingern zu entgleiten. Mein Griff lockerte sich. Kurz bevor ich sie fallen ließ, ertönte plötzlich eine Stimme aus dem Nichts. „Brauchen Sie Hilfe?“ Ich musste den Kopf weit nach hinten neigen, um den Fremden anzusehen. Sein rotes Haar und die blasse Haut fielen mir sofort auf – ebenso wie der besorgte Ausdruck in seinem Gesicht. „Ja, das wäre super“, antwortete ich sofort, die Stimme angespannt. Bevor ich wieder schwanken konnte, trat er schnell heran und nahm mir die Kiste ab. Sofort wich die Last von meinen Händen und Schultern; pure Erleichterung durchströmte mich. Er nahm die Kiste sanft aus meinen nun zitternden Händen. „Alles in Ordnung?“ fragte er, während ich meine immer noch bebenden Finger ballte und zu ihm aufsah. „Ja, dank Ihnen schon“, sagte ich mit einem dankbaren Lächeln. Er stellte die Kiste ab und klopfte sich den Staub von den Händen. „Keine Ursache. Übrigens: Ich heiße Ron, Miss…?“ Er streckte mir die Hand entgegen. Hoffnung keimte in mir auf, endlich jemanden kennenzulernen. Ich ergriff seine feste Hand und schenkte ihm ein kleines, aber echtes Lächeln. „Lilian Grace, aber Sie können mich Lily nennen. Freut mich sehr.“ Sein sommersprossiges Gesicht zeigte ein amüsiertes Lächeln. Ich bemerkte vage, dass seine Augen grün waren und leicht funkelten, als er lächelte. „Nun, Lily, freut mich ebenfalls“, sagte er und blickte abwechselnd zwischen der Kiste und meinen zitternden Fingern hin und her. „Ich muss trotzdem fragen: Warum haben Sie nicht einfach einen Wagen genommen, um das zu transportieren?“ erkundigte sich Ron mit einer Spur Neugier in der Stimme. Meine Brauen zogen sich sofort verwirrt zusammen. „Moment … wir haben Wagen?“ fragte ich. Ich schaute mich im Gang um und suchte nach den geheimnisvollen Wägen. Ron deutete auf eine kleine Schranktür, die sich nahtlos in die Wand einfügte. Hitze schoss mir vor Scham in die Wangen. Die ganze Zeit… ‚Wie habe ich das übersehen können?‘, schalt ich mich sofort selbst. Ein leises Lachen entwich Ron auf meine Kosten. „Das war unbezahlbar“, sagte er. „Ich tippe mal, Sie sind neu hier, oder?“ Ich lachte leise und zuckte mit den Schultern, ein bisschen weniger peinlich berührt. „Erwischt. Ich versuche immer noch, mich hier zurechtzufinden“, gab ich zu. „Der klassische Neustart-Stress, hm?“ fragte Ron. „Genau“, antwortete ich erleichtert seufzend. „Ich passe mich immer noch an diesen Ort an. Ich bin ein bisschen zerstreut.“ Ron schüttelte den Kopf und lächelte freundlich. „Seien Sie nicht zu streng mit sich selbst. Wir waren alle mal an diesem Punkt.“ Wir plauderten weiter, während wir gemeinsam den Gang entlanggingen, und tauschten Geschichten über die Tücken eines neuen Jobs aus. Ron erzählte eine lustige Geschichte über seinen ersten Tag im Büro, und ich musste einfach lachen. „Sie glauben es nicht, Lily, aber an meinem ersten Tag bin ich mit halb ausgezogenen Klamotten in den Besprechungsraum spaziert. Ein ehrlicher Fehler – ich dachte, es wäre der Umkleideraum. Die Gesichter, als ich reinkam … unbezahlbar!“ erzählte er. Mein Lachen mischte sich mit seinem, und ich antwortete: „Oh wow, das muss ein Auftritt gewesen sein! Meiner war bei Weitem nicht so spektakulär, aber ich habe mich trotzdem ein paar Mal verlaufen.“ Ron lachte warmherzig, sein freundliches Lächeln beruhigte meine Nerven. „Keine Sorge, irgendwann müssen wir alle unsere ersten-Tages-Geschichten erzählen. Das gehört einfach dazu.“ Als wir beim Abstellraum ankamen, hielt Ron mir die Tür auf. „Hier sind die Wagen, Lily. Hoffentlich übersehen Sie die nächstes Mal nicht.“ Ich lachte und fühlte mich dank seiner freundlichen Art schon viel wohler. „Ich schulde Ihnen was, Ron.“ Mit der Kiste nun sicher auf dem Wagen verstaut, schoben wir ihn gemeinsam zurück zu meinem Schreibtisch. … Bei meiner Rückkehr erwachte der Bildschirm des Computers zum Leben und warf ein unheimliches Licht auf meine Lesebrille. „Von wem mag das sein?“ murmelte ich laut, die Finger über der Tastatur schwebend. Meine Gedanken rasten und versuchten, den Absender der geheimnisvollen Nachricht zu erraten. Ich klickte darauf und keuchte auf. Ich blinzelte den Namen an, aber er verschwand nicht. Alexander Sinclair. Ich schluckte schwer. Obwohl ich seine Sekretärin war, hatte ich ihn in den letzten Tagen kaum zu Gesicht bekommen. Auch wenn er in seinem Büro war – das hatte ich durch Lauschen erfahren –, hatte er mich nie kontaktiert. Anstatt an die Vergangenheit und seine schneidenden Worte zu denken, hatte ich mich auf meine anderen Aufgaben konzentriert. Und ihn aus meinen Gedanken verbannt. Sein Schweigen schien Normalität zu sein, und ich war mir sicher, dass er sogar vergessen hatte, dass ich existierte. Bis jetzt offenbar. ‚Was könnte er wollen?‘ Ohne weiter Zeit zu verschwenden, öffnete ich die Nachricht und las den Inhalt. Eine Welle der Beklommenheit überrollte mich, während die Worte auf dem Bildschirm erschienen. „Kommen Sie in mein Büro.“ Nachdem ich gefühlt eine Stunde lang die Nachricht gelesen und wieder gelesen hatte, überwand ich meine Verleugnung und machte mich auf den Weg zu seinem Büro. Vor seiner Tür zögerte ich einen Moment, die Hand über dem Türknauf schwebend. Die Erinnerung an seine Hände, die über meinen Körper glitten, war noch frisch. Ich konnte fast die Hitze seines Körpers spüren, die knapp über meiner Haut lag. ‚Hör auf, Lilian‘, schalt ich mich innerlich. Mit einem tiefen, beruhigenden Atemzug öffnete ich die Tür und trat in sein Büro. Sofort huschten meine Augen durch den Raum. Sein Büro war schlicht und minimalistisch. Alles war sauber und makellos. Trotz seines Aussehens gab es nichts wirklich Bemerkenswertes außer ein paar Gemälden. Aber deshalb war ich nicht hier. Ich straffte mich und blickte nach vorn. Da saß er. Alexander Sinclair saß hinter seinem Schreibtisch, vertieft in Dokumente, die vor ihm ausgebreitet lagen. Er blickte nicht auf. Es war, als hätte er mich gar nicht bemerkt. Doch – ob durch meine Nerven oder durch ihn – liefen mir trotz der Entfernung Schauer über den Rücken. Ich ging auf ihn zu, doch er hob nur eine Hand und stoppte mich mitten in der Bewegung. Mein Atem stockte bei dieser einzigen gebieterischen Geste. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er die Hand sinken. „Frau Grace.“ Seine tiefe Stimme, beherrscht, aber distanziert, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Er schaute immer noch nicht in meine Richtung. Ich trat an seinen Schreibtisch heran, meine Finger zuckten nervös, während ich all meinen Mut zusammennahm. Jetzt war nicht der Moment, schwach zu sein. „Herr Sinclair, Sie wollten mich sprechen?“ fragte ich. Ohne aufzublicken, nahm er ein Dokument und reichte es mir. „Bringen Sie das zum General Manager. Collins heißt er. Es erfordert seine sofortige Aufmerksamkeit.“ Ich nahm das Dokument entgegen; meine Finger streiften für einen Moment seine. Diese Berührung ließ jedes Härchen an meinem Körper sich aufstellen. Plötzlich traf mich die unverkennbare Übelkeit wie ein Zug. Ich kämpfte mit aller Kraft gegen die aufsteigende Galle an. ‚Nicht hier, bitte nicht jetzt!‘ Ich zitterte vor Panik und flehte innerlich meinen Körper an. „Das war alles, Frau Grace“, sagte er schließlich und sah mir direkt in die Augen; seine kalten blauen Augen durchbohrten meine. Ich erstarrte unter seinem Blick. Die Galle hinunterschluckend nickte ich ruckartig und hielt mich kerzengerade. Ich hätte schwören können, dass sein Blick sich in meinen Hinterkopf bohrte, als ich mich umdrehte. Jeder Schritt fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Mein Körper zitterte, während ich versuchte, ohne unangemessen zu wirken, schnell aus der Tür zu kommen. Es war ein schmaler Grat, den ich in Panik entlangbalancierte. Endlich trat ich aus seinem Büro und entfernte mich ein paar Meter, bevor ich gegen eine beliebige Wand sackte, um mich auszuruhen. Langsam ließ die Übelkeit mit jedem Atemzug nach. ‚Dieser Blick, den er mir zugeworfen hat…‘ Ich erschauerte bei dem Gedanken. Darüber konnte ich später nachdenken. Den Gedanken verdrängend blickte ich auf den Ordner hinunter. Für den Moment hatte ich Arbeit zu erledigen.
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