Vorstellungen (2)

888 Worte
Lily Seine Stimme ließ mich zusammenzucken und erinnerte mich daran, wo ich war. Was stimmte nicht mit mir? Ich starrte ihn an wie eine Creepy-Stalkerin. Das war das Unprofessionellste, was ich je getan hatte. Mit unsicheren Schritten ging ich auf ihn zu und reichte ihm das Dokument. „Danke“, sagte er und schenkte mir ein kleines Lächeln, das mich überraschte. Sofort hellte sich sein Gesicht auf. Ich hätte erwartet, dass er mürrisch und furchteinflößend wäre, aber stattdessen wirkte er freundlich. Er hatte meinen Fauxpas von vorhin nicht einmal erwähnt. Mein Herz wurde leichter und ich erwiderte sein Lächeln mit einem leichten Nicken. Während er das Dokument betrachtete, stand ich etwas verloren herum. Sollte ich warten? Ein innerer Konflikt entbrannte, während ich überlegte, was ich als Nächstes tun sollte. Schließlich entschied ich mich zu gehen und drehte mich um – als mich seine Stimme zurückhielt. „Warten Sie.“ Seine tiefe, raue Stimme ließ mich abrupt innehalten. Ich drehte mich um und begegnete seinem Blick. „Sie sind Alexanders… neue Sekretärin, richtig?“ fragte er. Ich blinzelte, bevor ich mich schnell fing. „Ja“, antwortete ich, ein seltsames Kribbeln im Bauch. Warum fühlte es sich an, als würde er etwas anderes fragen? Als hätte er meine Gedanken bemerkt, sah er zu mir auf, als suchte er nach etwas. Seine Augen verengten sich in einer Mischung aus Neugier und etwas, das ich nicht ganz deuten konnte. Sein Blick bohrte sich mit einer Intensität in meinen, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. Ein goldener Blitz ließ mich zurücktaumeln. Ich hätte schwören können, dass seine Augen aufgeleuchtet hatten. Ich blinzelte – und sah wieder nur schwarze Iriden. Was war nur los mit mir? „Alles in Ordnung?“ fragte er, seine Stimme voller Sorge. Mir wurde bewusst, dass er mich besorgt ansah. Ich schluckte, ein seltsames Gefühl der Desorientierung blieb zurück. „Ja, alles gut. Nur… ein bisschen schwindelig, nehme ich an.“ Ich hoffte, dass meine Ausrede überzeugte, aber ich konnte es mir selbst nicht richtig erklären. War es wirklich nur Einbildung? Es musste so sein. Oder ein Lichttrick. Sein Ausdruck wurde weicher und er schenkte mir ein warmes Lächeln. „Kein Grund zur Sorge. Das passiert den Besten von uns.“ Sofort durchströmte mich Erleichterung. Zum Glück hatte ich nichts vermasselt. Er sah mich an und gab mir damit stillschweigend die Erlaubnis zu gehen. Als er seine Aufmerksamkeit wieder dem Dokument zuwandte, drehte ich mich um und verließ sein Büro. Das war… seltsam. Den Gedanken verdrängend machte ich mich auf den Rückweg zu meinem Büro und folgte Rons Wegbeschreibung. Erleichterung erfüllte mich, als ich einen vertrauten Flur wiedererkannte – bis ein seltsames Geräusch mich innehalten ließ. Jemand… weinte? Ich folgte dem Laut und bog ab, bis ich die Quelle in einem leeren Flur fand. Eine Frau stand dort, ihre blonden Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Sie weinte heftig. Es war ein herzzerreißender Anblick, und ich konnte nicht anders, als Mitleid mit ihr zu empfinden. Ich konnte nicht einfach danebenstehen und nichts tun. Leise trat ich näher. Als ich näher kam, musste sie meine Anwesenheit gespürt haben, denn sie wandte mir ihre tränenfeuchten Augen zu. „Hey, alles gut“, begann ich sanft und schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Ich heiße Lily. Und Sie?“ Sie zögerte einen Moment. Dann antwortete sie mit zitternder Stimme und einem Schniefen: „Ich… ich bin Lisa.“ „Lisa“, wiederholte ich, um mir den Namen einzuprägen. „Freut mich, Lisa. Es tut mir wirklich leid, was Sie durchmachen.“ Lisa nickte leicht zum Dank. Langsam richtete sie sich auf und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg. Auch wenn sie schwieg, war klar, dass sie meine Anwesenheit schätzte. „Also, Lisa, wie lange arbeiten Sie schon hier?“ entschied ich mich, ein Gespräch anzufangen, in der Hoffnung, die angespannte Stimmung zu lösen. Lisas Blick traf meinen, und ein Hauch von Wärme ersetzte die anfängliche Vorsicht. „Ich bin seit etwa drei Jahren hier. Ich arbeite als Junior-Köchin in der Küche. Es ist nur… manchmal wird es wirklich hart, wissen Sie?“ Ich nickte verständnisvoll. „Das kann ich mir vorstellen. Es muss ein anspruchsvoller Job sein.“ Lisas Schultern entspannten sich, während sie begann, sich zu öffnen. „Ja, das ist es. Der Küchenchef kann sehr streng sein, und mit den Gästen ist es auch nicht immer einfach.“ Ich lehnte mich gegen die Flurwand und hörte mitfühlend zu, während Lisa von ihren Erfahrungen erzählte. Je länger wir sprachen, desto mehr bewunderte ich ihre Widerstandsfähigkeit und Hingabe. Die Minuten vergingen, unser Gespräch floss mühelos dahin, und ich erzählte ein paar Witze, um sie aufzumuntern. Die Zeit verflog, und obwohl ich noch jede Menge Arbeit hatte, bereute ich keine Sekunde. Bevor wir uns trennten, schenkte ich Lisa ein ehrliches Lächeln. Eine neue… Freundin? Es war seltsam, dass ich an einem Tag gleich zwei gefunden hatte. Als ich gehen wollte, rief Lisa mich zurück. „Bevor Sie nach Hause gehen, könnten Sie mich kurz im Foyer treffen?“ Ich sah keinen Grund, Nein zu sagen; es war kein großer Umweg für mich. „Klar, aber warum?“ Sie lächelte freundlich. „Es ist eine Überraschung.“ Sie zwinkerte mir zu und drehte sich um. Bevor ich etwas erwidern konnte, war sie schon zur Tür hinaus.
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