Lily
Als ich nach Hause kam, fühlte sich jeder Teil meines Körpers bleischwer an. Mein Körper schmerzte, und ich konnte kaum noch klar denken.
Der Rest des Abends war ein Nebel, als ich ins Schlafzimmer taumelte und mich aufs Bett fallen ließ.
Die Matratze umarmte mich, ich schloss die Augen und glitt in einen unruhigen Schlaf.
Am Morgen wachte ich mit einem nagenden Hungergefühl auf.
Es war meine eigene Schuld, dass ich ohne Essen eingeschlafen war. Ich seufzte und stieg aus dem Bett.
Mit bloßen Füßen tappte ich über den kühlen Holzboden in die Küche. Als ich den Kühlschrank öffnete, hielt ich inne, als ich eine große Packung erkannte. Genau die Packung, die Lisa mir gestern gegeben hatte.
Wie sie es mir gesagt hatte, hatte ich nach Feierabend im Hotelfoyer auf sie gewartet. Als sie kam, hielt sie eine kleine Schachtel in den Händen und reichte sie mir.
„Du kannst es jetzt gleich probieren oder für später in den Kühlschrank legen.“ Sie hatte mir zugezwinkert, bevor sie sich verabschiedete.
Selbst in meinem erschöpften Zustand hatte ich ihre Anweisung befolgt.
Ich nahm die Packung heraus, öffnete sie – und keuchte auf.
Darin lag ein perfekt gebratenes Steak, dazu Kartoffelpüree. In einem separaten Fach waren Muffins und ein frischer Salat. Alles sah köstlich aus, aber meine Augen blieben vor allem am Steak hängen. Mein Magen knurrte laut beim bloßen Anblick.
Ohne die anderen Speisen auch nur eines Blickes zu würdigen, nahm ich das Steak heraus und genoss jeden Bissen. Das zarte Fleisch zerging fast auf meiner Zunge und stillte das unerklärliche Verlangen.
Es war seltsam, stellte ich fest. Bis vor wenigen Wochen war ich überzeugte Vegetarierin gewesen und hatte Fleisch nie angerührt. Doch jetzt sehnte ich mich mehr danach als nach irgendetwas anderem.
Am Ende spielte es keine Rolle. Malina würde wahrscheinlich sagen, dass das längst überfällig war.
Der Morgen im Büro begann wie jeder andere. Ich war gerade in mein Büro getreten, als sich das vertraute Gefühl wieder einschlich. Der Geschmack von Galle mischte sich mit einer aufsteigenden Übelkeit.
Ich kannte diese Routine nur zu gut. Ich schluckte die Galle hinunter und eilte zur nächsten Toilette.
Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, bevor ich mich über die Schüssel beugte und fast hineinfiel. Mein Körper krampfte bei jedem Würgereiz und erbrach mein Frühstück.
Sekunden, vielleicht Minuten vergingen – ich konnte es nicht genau sagen. Die Zeit verschwamm, während ich über der Toilette hing.
Endlich ließ die Übelkeit nach und ließ mich erschöpft und desorientiert zurück. Mit zitternden Fingern wischte ich mir den Mund ab, spürte, wie mein Haar an meiner schweißnassen Stirn klebte. Mit bebenden Fingern betätigte ich die Spülung.
Danach ging ich zum Waschbecken. Mein Spiegelbild starrte mir entgegen. Als ich mich selbst ansah, stieg Frustration in mir hoch. Warum passierte das immer wieder?
Ich hatte gedacht, es würde nach ein paar Wochen vergehen, vor allem weil es mein Leben bisher nicht allzu sehr beeinträchtigt hatte. Doch jetzt wurde es immer schwerer, damit umzugehen.
Ich konnte das Problem nicht länger ignorieren.
Etwas musste geschehen. Bei der ersten Gelegenheit würde ich auf dem Heimweg in eine Apotheke gehen.
……
Als ich aus der Toilette trat, kam ich an einer überraschend eng zusammengedrängten Gruppe von Frauen vorbei. Sie standen in einem engen Kreis, ihre Stimmen voller Freude und Aufregung. Langsam ging ich vorbei und konnte ihr Gespräch mithören.
„In ein paar Monaten bin ich endlich im Mutterschutz.“
„Oh Sarah, ich kann’s kaum glauben – du bist wirklich schwanger! Das sind so wunderbare Neuigkeiten“, sagte eine andere Frau.
„Danke, Amy. Ihr habt keine Ahnung, wie lange wir darauf gewartet haben“, strahlte Sarah.
Eine weitere Stimme meldete sich: „Wie hast du es überhaupt herausgefunden? Du siehst gar nicht so anders aus.“
Sarah seufzte. „Jetzt, wo du es sagst… es gab ein paar Anzeichen. Morgendliche Übelkeit, und ich war die ganze verdammte Zeit so müde.“
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich konnte nicht anders, als noch aufmerksamer zuzuhören.
„Oh, die Morgenübelkeit kann wirklich hart sein. Kein Wunder, dass du ständig plötzlich auf die Toilette gerannt bist“, sagte die andere Frau mitfühlend.
„Und dann die Heißhungerattacken“, schnaubte Sarah. „Ich hab es selbst gar nicht bemerkt. Mein Mann war es, der mir vorgeschlagen hat, einen Schwangerschaftstest zu machen.“
Übelkeit, Müdigkeit, Heißhunger – die Puzzleteile fügten sich zusammen und passten exakt zu den Symptomen, die ich seit Wochen hatte.
Eisige Angst durchflutete mich wie ein Kälteschock. Alles, was sie beschrieb, spiegelte meine eigenen Erfahrungen der letzten Wochen wider. Ich hatte es auf Stress oder etwas Vorübergehendes geschoben, aber jetzt…
Meine Hände zitterten, als ich unauffällig eine Hand auf meinen Unterleib legte. Mein Verstand raste vor Angst und Unsicherheit. Die Feier in meiner Nähe ging weiter, doch in diesem Moment fühlte ich mich, als würde ich fallen.
Das Lachen und die fröhlichen Stimmen wurden zu einem fernen Rauschen hinter meinen panischen Gedanken.
Wie hatte ich die Anzeichen nicht sehen können? Die morgendliche Übelkeit, die plötzlichen Gelüste – alles deutete auf eine einzige, furchtbare Möglichkeit hin.
Mit bebenden Händen drückte ich die Handfläche fester gegen meinen Bauch. Allein der Gedanke jagte eine Welle von Panik durch meinen Körper.
‚Schwanger.‘
Das Wort hallte in meinem Kopf wider und erfüllte mich mit Grauen.
Wie hatte ich nur so blind sein können?
Die fröhlichen Stimmen hallten weiter in der Ferne. Der Kontrast zwischen ihrer Freude und meiner Verzweiflung war eine grausame Ironie.
Als ich endlich in meinem Büro ankam, zitterte ich am ganzen Körper. Meine Atemzüge kamen flach und schnell. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, die Nägel gruben sich in die Handflächen, um mich in der Realität zu halten. Doch die Realität, der ich gegenüberstand, war ein Albtraum – ein furchterregendes Unbekanntes, das vor mir aufragte.
Vielleicht war es nur ein Zufall. Vielleicht war ich wirklich nur krank. Ich konnte doch nicht…
Ein schrilles Klingeln ließ mich zusammenzucken. Es war der Klingelton, der nur einer einzigen Person gehörte.
‚Malina‘, ergänzte mein Verstand trotz der Panik.
Meine Hände zitterten, doch ich riss mich zusammen und nahm den Anruf an.
„Hey, Lily! Wie läuft’s?“ Malinas Stimme platzte fröhlich und voller Energie durch die Leitung.
Die Angst wurde noch tiefer angesichts ihres fröhlichen Tons. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals.
„Hey Malina“, sagte ich mit zitternder Stimme.
Es entstand eine Pause am anderen Ende, und ich spürte, dass sie abrupt innehielt.
„Süße, ist irgendwas nicht in Ordnung?“ fragte sie.
Ich holte tief Luft, meine Finger umklammerten das Telefon fester.
‚Soll ich es ihr sagen?‘ Ich schluckte schwer bei dem Gedanken, doch ich traf schnell eine Entscheidung.
„Nichts. Gar nichts ist los“, sagte ich und versuchte, normal zu klingen.
„Bist du sicher, Lily? Du klingst überhaupt nicht wie du selbst.“
Ich kniff die Augen fest zusammen und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Natürlich würde ausgerechnet sie es merken.
Sie war seit dem College meine Stütze gewesen. Ich wollte ihr meine Sorgen anvertrauen, diesen furchtbaren Verdacht.
Doch ich brachte es nicht über mich, ihr die Wahrheit zu sagen und die Freude in ihrer Stimme durch das Gewicht meiner eigenen Lage zu zerstören. Stattdessen entschied ich mich, meine Unruhe hinter einer Fassade der Beruhigung zu verstecken.
„Malina, wirklich, ich weiß deine Sorge zu schätzen, aber ich verspreche dir, mir geht’s gut.“
Ich spürte ihr Zögern. Sie war kein bisschen überzeugt. In einem letzten Versuch sprach ich weiter.
„Ich… ich verspreche es, Malina. Mir geht’s gut. Ich brauche nur ein bisschen Zeit, um ein paar Dinge zu klären.“
Es entstand eine Pause am anderen Ende der Leitung, und ich betete innerlich, dass sie es dabei belassen würde.
„Okay, Lily. Aber versprich mir, dass du es mir sagst, sobald du bereit bist.“
Erleichterung durchströmte mich, und ich brachte ein schwaches Lächeln zustande, auch wenn Malina es nicht sehen konnte. „Versprochen. Danke.“
Wir wechselten noch ein paar Worte, bevor wir auflegten. Als ich das Telefon sinken ließ, überrollte mich eine Welle von Schuldgefühlen.
Malina hatte mich durch all meine schlechten Zeiten begleitet – es fühlte sich wie Verrat an, ihr das zu verschweigen, auch was Alexander betraf.
Doch während ich auf das Telefon in meiner Hand starrte, konnte ich meine Ängste nicht abschütteln.
Für den Moment würde ich nichts sagen. Sobald ich sicher war, dass nichts los war, würde ich es ihr erzählen – und dann würden wir darüber lachen.
‚Oder?‘ Ich versuchte zu lächeln, doch es misslang kläglich.
Der Rest des Arbeitstages verging wie im Nebel. Ich erledigte alles mechanisch, ohne nachzudenken. Vielleicht war es ein Segen, dass ich Alexander den ganzen Tag nicht über den Weg lief.
Sobald ich Feierabend hatte, eilte ich zur nächsten Apotheke. Mein Herz hämmerte wie wild, als ich fand, wonach ich suchte, und die Packung fest mit zitternden Fingern umklammerte.
Als ich nach Hause kam, war die Sonne bereits untergegangen und warf lange Schatten, die meine Unruhe widerspiegelten.
Ohne Zeit zu verlieren ging ich ins Badezimmer und folgte genau den Anweisungen auf dem Schwangerschaftstest.
Die Zeit verging quälend langsam; jede Sekunde fühlte sich wie eine Stunde an. Ich zählte meine Schritte und hoffte, dass die quälende Wartezeit schneller vorbeigehen würde.
‚Nein.‘ Ich kniff die Augen fest zusammen. Ich konnte nicht schwanger sein. Es musste ein Irrtum sein.
Der Timer ging los. Ich griff mit zitternden Händen nach dem Test. Mein Herz sank bei einem einzigen Blick, und ich ließ ihn fallen, als hätte er mich verbrannt.
Das Ergebnis war eindeutig – positiv.