Lily
Stunden später, zurück in meiner Wohnung, bereitete ich gerade das Abendessen zu, als mein Telefon klingelte. Ich nahm sofort ab und lächelte ins Gesicht meiner Mutter auf dem Bildschirm.
„Hallo, mein Schatz“, begrüßte sie mich lächelnd über den Videoanruf.
„Hey Mom“, erwiderte ich.
Sie hatte sich vorgenommen, mich mindestens einmal täglich anzurufen, um nach mir zu sehen – das hatte sie mir offen am Tag nach meiner Ankündigung gesagt.
Ich konnte mich nicht beschweren und hatte es auch nicht vor. Nicht, wenn ich einfach nur dankbar war, dass sie mich trotz des Schocks aktiv unterstützte.
Zuerst plauderten wir über die üblichen Dinge – wie es ihr ging, der neueste Klatsch aus der Nachbarschaft. Doch unvermeidlich kam das Gespräch auf das Baby.
„Und wie geht’s der Übelkeit?“ fragte meine Mutter erwartungsvoll.
„Erträglich, vor allem dank deines Tipps“, zuckte ich mit den Schultern, während ich das gekochte Fleisch zum Kochen brachte. Trotz der Übelkeit hörte mein Verlangen nach Fleisch nie auf. Ich war mir sicher, dass das meine Ersparnisse bald belasten würde.
Meine Mutter lachte leise.
„Das wollte ich hören. Denk dran: Chips und Zitronen sind deine besten Freunde.“
Ich lachte leicht und wollte sie gerade aufziehen, als mich plötzlich ein seltsames Gefühl überkam.
Ich erstarrte, während ein Schauer über meinen Rücken lief und Gänsehaut folgte.
Sofort drehte ich mich um und suchte in meiner Wohnung nach etwas. Doch nichts war ungewöhnlich. Niemand war zu sehen.
Warum fühlte es sich dann so an, als würde ich beobachtet?
„Lily?“
Ich fuhr herum und blickte auf den Bildschirm zu meiner Mutter. Ich schluckte schwer und traf auf ihr besorgtes Gesicht.
„Entschuldige. Ich dachte, ich hätte etwas gehört“, sagte ich und zwang mir ein kleines Lächeln auf.
‚Das bildest du dir ein.‘
Ich sagte es mir selbst. Ich hatte gehört, dass Angst während der Schwangerschaft auftreten kann, auch wenn es noch früh war. Aber vielleicht war das der Grund.
Trotz meiner Gedanken ließ das ungute Gefühl nicht nach.
Ich beendete das Gespräch mit meiner Mutter, aß mein Abendessen und ging ins Bett.
Im Bett blieb das seltsame Gefühl, doch ich drängte es weg. Schließlich siegte die Erschöpfung, und ich glitt in einen traumlosen Schlaf.
…
Ich wachte in völliger Dunkelheit auf. Es war noch Nacht.
Ich wachte selten so früh auf, schon gar nicht jetzt mit der zusätzlichen Müdigkeit durch die Schwangerschaft. Warum war ich also wach?
Die Stille fühlte sich… anders an, aus irgendeinem Grund.
Mein Verstand war noch schlaftrunken, ich schloss die Augen wieder, bereit, alles zu vergessen. Ein lautes Poltern ließ mich zusammenzucken.
Ich riss die Augen auf, hellwach und alarmiert. Ich setzte mich auf und starrte auf meine geschlossene Schlafzimmertür, während weitere dumpfe Geräusche ertönten.
Kein Zweifel. Das waren Schritte direkt vor meiner Schlafzimmertür.
Jemand war in meiner Wohnung.
Panik durchströmte meine Adern, doch ich konnte mich nicht bewegen. Mein Verstand raste und versuchte, die Situation zu begreifen.
Ich hatte keine Türen offen gelassen. Wie war diese Person hereingekommen? Ein Einbrecher?
Der Gedanke, dass jemand in meinen Sachen wühlte, in meinen persönlichsten Besitztümern, erfüllte mich mit kranker Angst. So etwas war mir noch nie passiert.
Ich griff nach meinem Telefon, doch es war nicht da. Ich schaute mich um, konnte es nirgends finden, bis mir die Erkenntnis wie Eis durch die Adern fuhr.
Ich hatte es im Wohnzimmer liegen lassen. Ausgerechnet heute…
Das bedeutete nur eines. Ich war gefangen, in meinem eigenen Zimmer in die Enge getrieben, ohne Fluchtmöglichkeit.
Mit meiner einzigen Verteidigung sprang ich aus dem Bett, durchquerte das Zimmer so leise wie möglich und verriegelte die Schlafzimmertür.
Schließlich lehnte ich mich zitternd dagegen.
Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass sie bald gehen würden.
Die Schritte hielten inne. Mein Atem stockte, und ich lauschte angestrengt auf jedes Geräusch von der anderen Seite der Tür.
Mein Herz setzte aus, als eine Hand durch meine Schlafzimmertür brach. Ich taumelte zurück, die Stimme blieb mir im Hals stecken.
Zu meinem Entsetzen wurde meine Tür mit Gewalt aus den Angeln gerissen. Ich hatte keine Zeit, die Schatten ihrer Gestalten zu registrieren – schon waren sie über mir.
Plötzlich wurden meine Arme und Beine in einem schraubstockartigen Griff gefangen.
Bevor ich einen Laut von mir geben konnte, legte sich eine große Hand über meinen Mund und erstickte jedes Geräusch.
Ich wand mich, zappelte, kämpfte mit jeder Faser meines Körpers – doch meine Bemühungen waren vergeblich.
Plötzlich füllte ein stechender chemischer Geruch meine Nase. Bevor ich es begreifen konnte, wurde alles schwarz.