Kapitel 9

936 Worte
Zerah Das Gewicht seiner Präsenz landete schwer hinter mir. Ich spürte, wie sein Blick durch den Raum glitt. Er suchte. Ich versuchte, eine neutrale Haltung einzunehmen, um mit der Masse zu verschmelzen – doch als ich spürte, wie seine Augen auf mir landeten, wusste ich, es war vergeblich. Ich hielt den Kopf hoch, den Blick nach vorn gerichtet, obwohl sich mir der Magen umdrehte. Ich durfte ihm nicht zeigen, wie sehr er mich traf. Wochenlang hatte ich mir darauf etwas eingebildet, dass ich seine Anwesenheit ignorieren konnte – doch nach gestern brach meine Fassade sekündlich zusammen. „Guten Morgen“, erklang seine Stimme, glatt und kalt, und jagte mir einen Schauer über den Rücken. „Lassen Sie uns beginnen.“ Damit startete die Besprechung. Jede Person gab einen Überblick über die Pläne in ihren jeweiligen Bereichen. Jeder Mann und jede Frau stand – trotz der Nervosität, die ich deutlich spürte – auf und sprach. Nur ich blieb sitzen, völlig unbeteiligt. Die Besprechung zog sich hin. Ich hielt den Kopf gesenkt und versuchte, die Gespräche auszublenden. Ich wollte Rykers Stimme nicht hören. Jedes Mal, wenn er sprach, drifteten meine Gedanken zu seinen Worten zurück. Zu seiner Drohung. Meine Hände schmerzten, so fest ballte ich sie unter dem Tisch. Irgendwann kam die Besprechung zum Ende. Nathan war der Letzte, der sprach, und ging die Punkte durch, die mir nur allzu vertraut waren. Schließlich hatte ich ihm geholfen, diese Pläne zu erstellen – zusammen mit meinen eigenen Ideen für Geronimo. Ich hielt den Atem an, als Ryker das Wort ergriff. Meine Anwesenheit war schon ein deutliches Zeichen. Würde er mich ansprechen? Am Ende tat er es nicht. Er wies Nathans Pläne lediglich zurück und wandte sich an die anderen. Ich atmete leise auf. Es war vorbei. Vorläufig. Ryker verließ den Konferenzraum kurz darauf, und es fühlte sich an, als wäre eine tonnenschwere Last von meiner Brust genommen. Niemand achtete mehr auf mich, als alle den Raum verließen. „Danke, dass du mit reingekommen bist, Zerah“, sagte Nathan beruhigend, während der Raum sich leerte. „Ich weiß, es war etwas unangenehm für dich, aber ich finde, es lief gut.“ „Ich hätte gar nicht in dieser Besprechung sein sollen“, sagte ich. „Ich habe eigentlich nichts gemacht.“ Oder gar nichts, dachte ich still. „Unsinn.“ Er winkte lächelnd ab. „Du warst meine moralische Unterstützung. Außerdem kennst du unsere Pläne besser als ich. Wenn ich etwas Falsches gesagt hätte, hättest du mir in die Schienbeine treten und mich korrigieren können.“ „Stimmt.“ Ich zwang ein Lächeln hervor. Es schien nicht zu funktionieren, denn sein Gesicht wurde ernst, und er beugte sich vor. „Aber ernsthaft, Zerah – geht es dir gut? Seit wir hier sind, wirkst du… angespannt.“ „Ich bin okay.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nur etwas müde, das ist alles.“ „Lüg mich nicht an. Ich weiß, warum du so angespannt bist, seit wir hierhergekommen sind.“ Was? Mein Atem stockte, Panik stieg in mir auf. Er wusste es? Ich fuhr hoch – doch statt einer Anschuldigung lag Schuld in seinem Gesicht. „Deine Mutter hatte gestern Abend einen Unfall, und du hast noch die Kinder zu versorgen – und trotzdem habe ich dich hierhergeschleppt, obwohl du offensichtlich nicht wolltest. Es tut mir so leid. Ich habe völlig ignoriert, was du durchmachst.“ Einen Moment war ich sprachlos, dann überrollte mich Verständnis und Erleichterung. Richtig. Meine Mutter. Natürlich kannte er die Wahrheit nicht. Niemand kannte sie – außer Ryker und mir. Was hatte ich mir nur gedacht? Es war nur die Paranoia von letzter Nacht. Auf jeden Fall war es gut, dass er nichts wusste. „Ist schon okay“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Ich habe alles geregelt, bevor wir losgefahren sind. Es hat mir nichts ausgemacht.“ Er wirkte nicht überzeugt. Die Schuld in seinem Gesicht weckte dasselbe Gefühl in mir. Nathan war einfach zu nett für diese Welt. Bevor er noch etwas sagen konnte, piepste sein Handy und durchbrach die Spannung. Er schaute darauf, runzelte die Stirn und drehte sich entschuldigend zu mir. „Es tut mir leid. Ein paar andere Tochtergesellschaftsleiter wollen kurz mit mir reden. Du musst vielleicht ein paar Minuten warten. Maximal zehn, versprochen.“ Zehn Minuten länger in diesem Gebäude – mit Ryker. Ein Anflug von Enttäuschung traf mich, doch ich schob ihn beiseite. Es waren ja nur zehn Minuten. Die Falloway-Zentrale war ein riesiger Wolkenkratzer, und nach der Hauptbesprechung war Ryker weit weg. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, ihm noch einmal zu begegnen? „Klar“, nickte ich. „Ich warte dann hier?“ „Du kannst im Untergeschoss-Parkhaus auf mich warten“, schlug Nathan vor und streckte sich. „Du weißt noch, wo es ist?“ Ich nickte. Kurz darauf ging er zu den anderen. Allein trat ich auf den Flur und ging den leeren Gang entlang. Egal wie lange ich warten musste – ich war einfach nur dankbar, aus dieser erdrückenden Atmosphäre heraus zu sein. Nur noch zehn Minuten. Ich ging durch den Flur, folgte den Schritten zurück zum Aufzug und passierte gelegentlich andere Personen. Zu meiner Erleichterung lief alles glatt. Als ich im Erdgeschoss ankam, war der Weg zum Parkhaus ruhig – wahrscheinlich, weil der Arbeitstag vorbei war. Hier waren nur noch Überstunden-Mitarbeiter unterwegs. Das machte es einfacher – Mein Verstand setzte aus, als ich um die Ecke ins Parkhaus bog und beinahe mit etwas zusammenstieß. Instinktiv trat ich zurück. „Es tut mir so leid, ich…“ Meine Worte erstarben, als ich die Person vor mir ansah.
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