Kapitel 10

1061 Worte
Zerah Eine junge Frau saß zusammengekauert im Notausgang-Treppenhaus. Die Arme fest um den Körper geschlungen, die Schultern zitterten leicht. Sie rührte sich nicht – hatte wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, dass ich sie versehentlich angerempelt hatte. Meine Schritte stockten. Ich hätte sie einfach in Ruhe lassen sollen. Das Parkhaus war nur ein paar Schritte entfernt. Ich mischte mich normalerweise nicht in fremde Angelegenheiten ein. Doch mein Herz zog sich zusammen. Irgendetwas an ihr schrie geradezu nach Trost. Bevor ich mich zurückhalten konnte, bewegte sich mein Körper von allein. „Hey“, platzte ich heraus. „Alles in Ordnung bei dir?“ Sie erstarrte, als würde sie erst jetzt merken, dass sie nicht allein war. Als sie den Kopf hochriss, traf mich ein scharfer Stich. Die Tränen auf ihrem Gesicht glänzten im Halbdunkel. Ich erkannte sogar die verschmierte Wimperntusche auf ihren Wangen. Was war mit ihr passiert? „Entschuldigung. Ich wollte nicht stören. Ich war auf dem Weg nach draußen und habe dich hier gesehen und… und…“ Ich brach ab. Was um alles in der Welt sagte man in so einem Moment zu einer völlig Fremden? Bevor ich mich entschuldigen oder etwas anderes stammeln konnte, schniefte sie und schüttelte schnell den Kopf. „Nein, es ist… schon okay. Ich… ich brauchte nur einen Moment.“ „Soll ich jemanden holen? Wasser?“, fragte ich. Sie atmete leise aus und wischte sich die Augen mit dem Ärmel ab. „Nein. Danke. Ich… ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand hier ist. Normalerweise ist um diese Zeit niemand hier und selbst dann…“ Mein Herz zog sich zusammen. Ich kannte sie nicht, doch ich hörte die unausgesprochenen Worte klar und deutlich. Niemand bemerkte sie. Niemand kümmerte sich. „Das ist das erste Mal, dass mich jemand erwischt hat. Wie peinlich.“ Sie lachte feucht, doch ihre Worte klangen hohl und ließen mein Herz noch mehr schmerzen. „Ich schätze, ich bin einfach zu neugierig für mein eigenes Wohl“, sagte ich leichthin und zwang ein kleines, aufmunterndes Lächeln hervor. Es fühlte sich nicht genug an. Ich holte ein Bonbonpäckchen aus meiner Tasche – etwas, das ich immer für Micah und Ryan dabeihatte – und reichte es ihr. „Hier. Nachdem ich dich fast umgetreten hätte, ohne dass du es gemerkt hast, ist das wohl angebracht.“ Diesmal zauberte ich das zarteste Lächeln auf ihr Gesicht. „D-danke“, murmelte sie, nahm das Bonbon und wischte sich hektisch die Tränen weg. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, setzte ich mich neben sie auf den Boden. „Ich bin Zerah“, sagte ich nach einem Moment. „Elena“, antwortete sie leise. Ihr Atem war ruhiger geworden, blieb aber zerbrechlich. Die Spuren der Tränen waren noch deutlich zu sehen. Es ließ mich nur noch mehr weich werden. „Schlechter Tag?“, fragte ich vorsichtig. „Kann man so sagen.“ Sie lachte – trocken, bitter, fast selbstverachtend. „Du musst nichts erzählen, wenn du nicht willst. Ich bin schließlich eine Fremde“, sagte ich. „Aber wenn du reden möchtest… ich bin hier.“ Meine Worte waren ganz normal – doch aus irgendeinem Grund sah sie überrascht aus. „Du arbeitest nicht hier, oder?“, fragte sie. „Schuldig.“ Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich arbeite bei Geronimo Corporation – einer Tochter von Falloway. Es gab eine Besprechung. Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein.“ „Dachte ich mir“, schnaubte sie. „Du benimmst dich nicht wie die anderen. Falloway ist riesig, aber alle haben eines gemeinsam: Sie sind bösartig. Alles, was du sagst, kann gegen dich verwendet werden – als Klatsch oder Druckmittel. Man entkommt dem nicht, weil man sich immer wieder über den Weg läuft, egal wie klein die Chance ist.“ Ihre Worte trafen einen Nerv. Kein Wunder, dass sie sich hier versteckte. „Ich schätze, das ist jetzt sogar gut, oder?“, bot ich an und hielt ihrem Blick stand. „Da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, brauchst du keinen Druck oder Sorgen zu haben. Du kannst mir alles erzählen – wahrscheinlich alle hier verfluchen –, und es wäre mir egal. Ich würde nichts tun.“ Einen Moment glänzten ihre Augen vor etwas, das ich nicht deuten konnte. Zögern? Bitterkeit? Es sah aus, als wollte sie etwas sagen, ihre Lippen öffneten sich leicht. Doch bevor sie sprechen konnte, zerriss ein schriller Klingelton die Stille. Ich spürte, wie sie neben mir erstarrte. Ihr Gesicht wurde kreidebleich, als sie ihr Handy herauszog. Ich erhaschte kaum den Namen, bevor sie es aus meinem Blickfeld kippte und ranging. „Miss Leyhart. Kommen Sie in mein Büro. Sofort.“ Die Stimme klang ölig und unverkennbar genervt. Sie zuckte bei ihrem Namen zusammen, krümmte sich noch mehr zusammen, als wollte sie verschwinden. Als wollte sie sich vor etwas schützen. Mir wurde übel. Etwas stimmte hier nicht. Das war keine normale Angst. Das war pure Panik. Was ging hier vor? Der Anruf endete abrupt. Plötzlich wischte sie sich hektisch das Gesicht ab und stand auf. Ihr gesamtes Verhalten änderte sich innerhalb eines Wimpernschlags. Sie stand gerader, die Schultern angespannt, als würde sie sich für etwas wappnen. „Tut mir leid, ich muss gehen. Danke… für alles“, murmelte sie. Ich sah, wie ihr Gesicht zu einer neutralen Maske wurde, und mein Herz zog sich zusammen. „Elena –“ Bevor ich mehr sagen konnte, drehte sie sich um. Ihre Schritte hallten durch das Treppenhaus. Ich blieb sitzen und starrte ihr nach, bis sie verschwunden war. Etwas Unheilvolles nagte in meiner Brust. Als ich aufstand und Richtung Parkhaus ging, ließ die kühle Luft mich frösteln. Ich fand Nathans Wagen, doch die Kälte blieb. Sie erinnerte mich nur an den Moment eben. Wer hatte sie angerufen? Und warum hatte sie so verängstigt ausgesehen? Ich schluckte schwer. Wie gesagt, wir würden uns wahrscheinlich nie wiedersehen. Was brachte es, darüber nachzudenken? Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, durchschnitt eine andere Stimme die Stille. „Du konntest es nicht lassen, oder?“ Diese Stimme – tief, spöttisch, unverkennbar seine – rann mir wie Eiswasser den Rücken hinunter. Ich erstarrte. Gänsehaut breitete sich aus – diesmal nicht wegen der Kälte. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. Dennoch zwang ich mich, all meinen Mut zusammenzunehmen, und tat es. Ich begegnete Rykers Blick.
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