Zerah
Als ich die Haustür öffnete, zog der Duft von Suppe durch den Flur. Warm, herzhaft und tröstlich.
Im Haus war es erwartungsgemäß still. Nach der Besprechung war die Nacht längst hereingebrochen. Ryan und Micah lagen inzwischen in ihren Zimmern und schliefen – oder waren zumindest kurz davor.
Ich schloss die Tür leise, um die Stille nicht zu stören. Im Wohnbereich fand ich meine Mutter.
Sie stand am Kücheninsel und rührte in einem Topf. Das leise Summen, das sie von sich gab, verstummte – zweifellos, weil sie meine Anwesenheit bemerkt hatte.
„Willkommen zu Hause, Liebes. Du kommst genau richtig.“ Sie drehte sich nicht um. „Ich hatte so ein Gefühl, dass du vielleicht nichts gegessen hast, und da es schon spät ist, dachte ich, eine warme Hühnersuppe wäre das Beste. Sie ist gleich fertig.“
Beim Anblick ihres schmalen Rückens zog sich mir die Kehle zu. Sie war gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden und hatte trotzdem auf mich gewartet.
Irgendetwas an diesem Anblick war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Ich trat lautlos näher und umarmte sie sanft von hinten, drückte mein Gesicht in ihr Haar. Sobald ihr tröstlicher Duft und ihre Wärme mich erreichten, brach all die Fassung, die ich seit gestern Abend aufrechterhalten hatte, in sich zusammen.
„Mom.“ Meine eigene Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
Sie spannte sich in meinen Armen an, bewegte sich aber nicht.
„Was ist los? War es dieser Albtraum? Ist heute noch etwas passiert?“, fragte sie.
Ich antwortete nicht, schniefte nur und drückte sie kurz fester.
Sie schwieg bald darauf und fragte nicht weiter. Bei ihr gab es keinen Druck – nur Trost.
Wir blieben so stehen, was sich wie eine ganze Minute anfühlte. Obwohl meine Augen brannten, weinte ich nicht. Ich schloss sie nur und atmete tief ein. Unter ihrer Wärme ließ der Druck in mir nach. Ich fühlte mich leichter.
Als ich wieder ruhig atmen konnte, löste ich die Umarmung und legte meinen Kopf auf ihre Schulter, um auf den dampfenden Hühnerbrei zu schauen.
„Du solltest eigentlich ruhen“, sagte ich.
„Und dich allein lassen? Auf keinen Fall.“ Sie lachte leise. „Außerdem waren es nur ein paar Kratzer. Mir geht es schon viel besser.“
Sie hatte recht. Ich WUSSTE, dass es ihr gut ging, und trotzdem.
Ihr Körper an meinem war trotz des zarten Anscheins stark und stabil. In den letzten fünf Jahren, nachdem das Schlimmste überstanden war, war sie nur noch stärker geworden, als hätte sie nie krank gewesen. Sie war weder gebrechlich noch schwach, und mit meinem Gehalt plus dem Restgeld aus der Vertragsheirat musste sie nicht arbeiten. Sie lebte bequem mit mir und den Kindern.
Es gab keinen Grund, mir Sorgen um sie zu machen – und doch sah ich noch immer die Tage im Krankenhaus vor mir, Behandlung nach Behandlung ohne Erfolg. Ihr ausgemergeltes, schwaches Aussehen würde mich nie verlassen.
Ich schob die Gedanken beiseite und lächelte sie an.
„Danke, Mama.“ Meine Stimme klang immer noch heiser, d**k vor Emotion.
Der Herd wurde ausgeschaltet. Sie drehte sich um, streckte die Hand aus und strich mir eine Strähne aus der Stirn.
„Du siehst müde aus, Zerah. Sprich mit mir. Geht es… um Ryker?“
Ich sog scharf die Luft ein. Ihr Gesicht wurde ernst.
„Hast… hast du ihn heute gesehen?“
Ich zögerte, unfähig zu antworten. Am Ende reichte mein Schweigen.
Sorge – ein Ausdruck, den ich nie auf ihrem Gesicht sehen wollte – lag nun deutlich darin und vertiefte die feinen Falten. Ich bereute es zutiefst, ihr heute Morgen in meiner Panik alles erzählt zu haben.
„Ich weiß, dass ich dir versprochen habe, wir regeln das gemeinsam, und das gilt immer noch“, sagte sie, die Stirn gerunzelt. „Ich habe nachgedacht und nach deinem Anruf ein wenig recherchiert. Die Voraussetzungen für ein Sorgerecht sind nuanciert, und wir sind nicht wehrlos. Wir haben finanzielle Mittel, eine Geschichte und du hast sie so lange allein großgezogen. Wir können mit einem Anwalt sprechen –“
„Nein“, platzte ich heraus. „Du musst nichts tun, Mom. Ich… ich kümmere mich darum.“
Nach einem kurzen Zögern räusperte ich mich und fuhr fort.
„Ich habe mit ihm gesprochen, und obwohl er… schwierig ist, gibt es vielleicht noch eine Chance auf Verhandlung.“
Lüge. Ryker und Verhandlung konnten nicht im selben Satz existieren. Das hatte der heutige Tag bewiesen.
Schuldgefühle stiegen in mir auf, doch ich drängte sie nieder. Solange ihre Sorge nur ein bisschen nachließ, war eine kleine Lüge es wert.
„Es war einfach… ein langer Tag.“ Ich seufzte und ließ mich gegen die Kücheninsel sinken.
Sie musterte mich einen Moment, dann nickte sie für sich.
„Geh duschen und zieh dich um. Ich serviere die Suppe, wenn du zurückkommst, und du kannst den Kopf frei bekommen.“ Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt.
Ich nickte.
„In Ordnung, Mom.“
Den Rest des Abends ging ich wie ferngesteuert durch die Bewegungen. Ich erzählte ihr von belanglosen Dingen des Tages, lachte, wenn sie lachte, lächelte, wenn es erwartet wurde, und verbarg meine rastlosen Gedanken.
Als es zu spät wurde, schickte ich sie endlich ins Bett, während ich die restliche Arbeit des Tages erledigte. Als ich endlich ins Bett fiel, schloss ich die Augen.
„Alles wird gut“, flüsterte ich mir selbst zu.
Es musste einfach.
…
Am nächsten Tag kam ich früher als sonst ins Büro – dank einer weiteren schlaflosen Nacht.
Es war kaum jemand da, das Gebäude lag still da. Zu meiner Überraschung stand jedoch, als ich mein Büro betrat, die Tür zu Nathans Büro einen Spalt offen.
Er war auch früher gekommen?
Ohne zu zögern schaute ich hinein. Nathan saß bereits an seinem Schreibtisch und blätterte konzentriert durch Unterlagen.
Ich klopfte leise und öffnete die Tür. Er fuhr erschrocken zu mir herum.
„Guten Morgen, Mr. Hart. Du bist aber früh“, sagte ich lächelnd und lehnte mich in den Türrahmen. Er schien einen Moment wie in Trance, fing sich aber schnell.
„Ja.“ Er lächelte verlegen. „Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen, deshalb bin ich früher gekommen. Nie zu spät zum Arbeiten. Du bist wohl im selben Boot?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern und schaute auf den Stapel. Es war deutlich mehr als sonst.
„Brauchst du etwas, Sir?“
„Eigentlich ja“, nickte er und schaute resigniert auf seinen Tisch. „Gestern hat sich die Besprechung – so plötzlich sie auch war – ausgezahlt. Wir haben möglicherweise mehrere neue Kooperationen in Aussicht, und ich möchte alle alten Unterlagen durchgehen, bevor ich sie kontaktiere. Nichts Dringendes, aber es dauert verdammt lange.“
Das sah ich, dachte ich beim Anblick des Berges. Er würde das unmöglich allein schaffen.
„Klar.“ Ich stellte meine Tasche ab und setzte mich auf den Stuhl gegenüber. Ein Blick auf die Akten, und ich hatte sofort den Überblick.
Das… war überhaupt nicht schwer.
Ich sah ihn an – die Schatten unter seinen Augen, die langsame Müdigkeit, mit der er mich anschaute. Wahrscheinlich hatte er sich trotz seines Körpers gezwungen, die Unterlagen durchzusehen.
Ich hatte keine Ahnung, warum er nicht schlafen konnte, wenn gestern Abend doch alles in Ordnung gewesen war, aber das Problem war klar.
Und die Lösung auch.
„Eigentlich kann ich den Großteil davon selbst übernehmen“, sagte ich, hob eine Akte hoch, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, und lächelte. „Du kannst aufhören. Mach dir keine Sorgen und lass es mich erledigen.“
In komischer Manier hob Nathan erleichtert die Hände und sackte dann sofort zusammen. Er verschränkte die Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf.
„Danke. Verdammte Hölle, ich dachte, ich ertrinke in diesen Akten.“
„Wäre schade, wenn du das tätest“, sagte ich trocken. „Und du musst dich nicht bedanken. Es ist mein Job.“
„Es ist nicht dein Job, die Arbeit deines Chefs zu machen, weil er selbst dazu nicht in der Lage ist“, stöhnte er. „Wir wissen beide, dass du viel mehr machst als nur meine Sekretärin.“
„Du meinst ASSISTENTIN“, neckte ich mit Betonung. „Und der Sinn meines Jobs ist es, dir bei schwierigen Aufgaben zu helfen – auch wenn es technisch ‚deine‘ Arbeit ist. Außerdem bist du nicht inkompetent, nur müde. Du hast letzte Nacht schlecht geschlafen. Es ist noch früh – nimm dir etwas Zeit, ruh dich aus und kläre deinen Kopf, bevor der Tag richtig losgeht.“
„Ich schwöre, ich gebe dir eine Gehaltserhöhung.“ Seine gedämpfte Stimme, den Kopf auf dem Tisch, brachte mich zum Lächeln.
„Ich nehme dich beim Wort, Mr. Hart.“
„Nathan.“ Er hob den Kopf ein wenig und schaute mich mit halb zusammengekniffenen Augen an. „Es ist niemand da, der uns hören könnte. Und setz dich bitte. Bleib hier und bearbeite die Akten. Dann musst du sie nicht ständig hin- und hertragen. Außerdem können wir uns in der Zeit unterhalten.“
„Worüber?“, fragte ich geistesabwesend und blätterte durch die Ordner. Diese hier war eine Finanzprüfung. Es wäre besser, wenn man sie komplett –
„Ich könnte dir mehr über Ryker erzählen.“