Kapitel 7

1583 Mots
Zerah Nach einer gefühlten Ewigkeit ging ich zurück ins Haus. Die Abendkälte hatte sich bereits in meine Haut gefressen, doch der Anblick vor mir wischte sie fort. Im Wohnzimmer saßen meine beiden Jungen plaudernd beisammen – die Sorge von vorhin war verschwunden. Meine wundervollen Jungen. Wärme durchflutete mich. Ich wünschte, das wäre alles, was ich fühlte – wäre da nicht diese neue, erdrückende Angst. Ich durfte sie nicht verlieren. Sie waren mein einziger Grund zu leben, mein einziger Trost aus den schmerzhaften Jahren. Die Zeit verging schnell. Kurz nach dem Essen brachte ich sie ins Bett, dann schleppte ich mich in mein Zimmer. Erschöpfung drückte mich nieder, als ich aufs Bett fiel. Doch mein Herz schmerzte noch immer. Die Erinnerung an Ryker und die Ereignisse des Tages kreisten unaufhörlich in meinem Kopf. Das war alles meine Schuld. Hätte ich Nathans Angebot einfach abgelehnt, wäre ich in City Z geblieben – wo mein Leben normal und sicher war. Aber jetzt war ich hier. Zurück in einer Stadt voller schmerzhafter Erinnerungen. Und am ersten Tag war ich dem einen Menschen begegnet, den ich niemals wiedersehen wollte. Und wie sich herausstellte, arbeitete ich für ihn. Ich konnte nur bitter lächeln über die Ironie. Von all den Firmen, in denen ich hätte landen können, musste es ausgerechnet eine Tochtergesellschaft der Firma sein, die er leitete. Wenigstens konnte ich ihn die meiste Zeit ignorieren, indem ich mich in Arbeit vergrub und mir keine freie Minute gönnte, um über ihn nachzudenken – auch wenn ich am Ende jedes Tages völlig erschöpft war. Die Zeit mit Nathan half mir dabei sehr. Und jetzt war genau das passiert. Meine Augen brannten von Tränen. Seine Drohung hallte wie eine kaputte Schallplatte in meinem Kopf wider. Übelkeit stieg in mir auf. Er liebte die Kinder nicht – er wollte sie nur aus egoistischen Gründen. Auf keinen Fall würde ich das zulassen. Ich würde nicht zulassen, dass er meine Kinder als Schachfiguren für seine persönlichen Interessen benutzte. Das war der letzte Gedanke, bevor ich in den Schlaf fiel. …. „Nein… nein.“ Das durfte nicht passieren. Ich stand in einem Gerichtssaal. Seine Stimme und der Hammerschlag des Richters hallten in meinen Ohren. „Ich spreche Ryker Davidson das alleinige Sorgerecht für Micah und Ryan zu.“ Nein… Heiße Tränen brannten in meinen Augen, während ich zusah, wie er meine Kinder mitnahm. Ich versuchte zu schreien, sie zu warnen, ihre Hände zu ergreifen – doch ich konnte mich nicht bewegen. Ich war vollkommen, völlig machtlos. Rykers selbstgefälliges Grinsen bohrte sich wie ein Pfeil in mich. „Siehst du? Ich habe dich gewarnt.“ Nein! Ich fuhr hoch, saß keuchend im Bett. Die kühle Luft ließ mich frösteln. Mein Atem stockte. Ein Traum. Nur ein Traum. Als die Realität zurückkehrte, spürte ich alles: das schwache Morgenlicht, das durchs Fenster fiel, den Schweiß auf meiner Haut und die Tränen in meinen Augen. Vor allem aber spürte ich pure, nackte Angst. Ohne zu zögern griff ich nach meinem Handy und wählte die Nummer meiner Mutter. Sie war noch im Krankenhaus, aber ich musste mit ihr sprechen. „Mom, ich hatte gerade den schrecklichsten Traum“, sagte ich, sobald sie ranging. „Ryker hat die Kinder mitgenommen, und ich konnte nichts tun, um ihn aufzuhalten.“ „Die Kinder gehen nirgendwohin. Ryker weiß nicht einmal, dass du sie hast“, sagte sie beruhigend. Ich hörte ihre ruhige, tröstende Stimme – doch mir lief nur ein kalter Schauer über den Rücken. „Jetzt schon“, flüsterte ich. In den nächsten Minuten erzählte ich ihr die ganze Geschichte. Sie schwieg die ganze Zeit am Telefon. Als ich fertig war, war die Stille noch erdrückender. Es war nicht schwer zu erraten, wie sie sich fühlte. Mir ging es genauso. Ryker war mächtig – wenn er einen Sorgerechtsstreit anfing, würden wir fast sicher verlieren. „Oh, mein Mädchen“, unterbrach die Stimme meiner Mutter meine Gedanken. Ich setzte mich aufrechter hin. „Hör zu. Egal was passiert, den Kindern wird nichts geschehen. Ich verspreche dir, wir finden eine Lösung, okay?“ Mein Herz sank. Wie sehr wünschte ich mir, ich könnte diese blinde Zuversicht teilen. Vor sechs Jahren hatte ich mich darauf verlassen und eine lieblose Ehe mit einem Mann eingegangen, der sich nicht einmal an mich erinnerte – und war mit gebrochenem Herzen geendet. Diese Luxus hatte ich nicht mehr. Ryker war mächtig, ein Multi-Milliardär-CEO, der zwei Konzerne leitete. Im Vergleich dazu waren wir nichts. Aber ich konnte ihr diese Last nicht aufbürden. Ich schluckte schwer und schob alle Sorgen beiseite. „Okay, Mom“, hauchte ich und schloss fest die Augen. „Du solltest jetzt ruhen. Ich will dich nicht länger stören. Gute Nacht.“ Sofort nach dem Auflegen schaute ich auf die Uhr. Mir blieben noch etwa zwei Stunden, bis ich aufstehen musste. Ich hätte schlafen sollen – oder es zumindest versuchen –, doch der Albtraum und die Angst ließen mich nicht los. Am Ende lag ich wach im Bett, verloren und hilflos. Ryker hatte alles: sein Geld, seinen Ruf und die Verlobte, die er immer gewollt hatte. Und doch reichte ihm das nicht. Ich krallte die Finger ins Laken und kniff die Augen zusammen. Zum Teufel, ich würde nicht zulassen, dass er sie mir wegnahm. Am nächsten Morgen kam ich erschöpft von der unterbrochenen Nacht im Büro an. Die Erinnerung an gestern war noch frisch. Der Gedanke, Ryker im Büro zu begegnen, war grauenhaft. Doch die Stunden vergingen, und es gab keine Spur von ihm. Wie immer war er wahrscheinlich direkt in die Hauptzentrale gefahren und würde nicht hier sein. „Zerah!“ Ich zuckte zusammen und blickte auf. Nathan lächelte warm, und ich konnte nicht anders, als zurückzulächeln. „Ich hoffe, es geht dir besser. Was war der Notfall?“ Einen Moment zögerte ich, dann zwang ich mich zu einem Lächeln. „Es war meine Mom. Sie hatte einen kleinen Unfall, aber es geht ihr schon wieder gut“, sagte ich leichthin – auch wenn es nicht die ganze Wahrheit war. Ein Schauer lief mir über den Rücken bei der Erinnerung an Rykers Drohung, doch ich schob sie gewaltsam beiseite. Ich durfte ihn nicht in mein Leben lassen. „Gut“, nickte er und deutete mit dem Kopf zu seiner Bürotür. „Können wir reden? Es geht um diesen Deal?“ Es dauerte nicht lange, bis ich verstand. Ohne Zögern folgte ich ihm. Den ganzen Abend über blieb ich in Nathans Büro und hörte zu. Nathan redete sich in Rage über einen wichtigen Geschäftsabschluss mit einem kleineren Unternehmen, der uns helfen würde. In den fünf Jahren mit Nathan wusste ich vieles über ihn – vieles hatte er mir freiwillig erzählt. Unter anderem, dass er mit seiner Position zufrieden war. Manchmal sprach er über seine Familie und diese Firma. Er hatte nie Ambitionen gehabt, höher aufzusteigen oder sich selbstständig zu machen. Für ihn drehte sich alles um die Hauptzentrale und seine Familie. Ich hatte diese Einfachheit an ihm bewundert und teilte sie bis zu einem gewissen Grad. Hätte ich damals nur gewusst, dass die Firma, von der er ständig sprach, genau diese war. Ich hörte aufmerksam zu, wie er über ihre Produktionssysteme sprach – der Hauptgrund, warum er die Partnerschaft bisher hinausgezögert hatte. Schließlich meldete ich mich zu Wort. „Warum helfen wir ihnen nicht einfach damit?“, schlug ich vor. „Wir könnten eine Umstrukturierung ihrer Produktion vorschlagen und begleiten – als Vorteil unserer Partnerschaft, der beiden Seiten nutzt.“ Ich sah die Erkenntnis in Echtzeit über sein Gesicht huschen. Es war nicht das erste Mal, und es würde sicher nicht das letzte sein – trotzdem amüsierte es mich jedes Mal ein wenig. „Großartige Idee, Zerah. Was würde ich nur ohne dich machen?“, sagte Nathan mit breitem Grinsen. „Wahrscheinlich wünschen, ich wäre da, um dir zu helfen“, lachte ich, genoss sein Lob und packte meine Unterlagen zusammen, um zurück an meinen Platz zu gehen. Jetzt, da das erledigt war, konnte ich seinen Redefluss verlassen und – „Ich kann es kaum erwarten, das Ryker vorzuschlagen.“ Die Unterlagen rutschten mir aus der Hand und klapperten zu Boden. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich merkte, dass ich sie fallen gelassen hatte. Ich schalt mich innerlich für die Reaktion, als Schritte hinter mir erklangen. „Zerah?“ Ich blickte auf. Nathan starrte mich besorgt an. „Alles okay? Was ist passiert?“ „Mist, ich habe sie nicht richtig gehalten. Mir geht’s gut, wirklich.“ Die Lüge floss mir wie Gift über die Lippen. Schuldgefühle stiegen in mir auf, weil ich ihn anlog, doch ich schob sie beiseite. Das musste ich tun, um keinen Verdacht zu erregen. Nathan durfte nichts von meiner Vergangenheit mit Ryker wissen. Nathan wirkte nicht überzeugt, doch bevor er etwas sagen konnte, klingelte sein Handy. Erleichterung durchflutete mich, als er sich abwandte. Im Arbeitsfluss hatte ich gestern fast vergessen – doch der Name Ryker ließ die Angst sofort wieder hochkochen. Ich kniff die Augen fest zusammen. Bevor ich gehen konnte, kam Nathan zurück, mit ernster Miene. „Wir wurden zu einer Tochtergesellschafts-Besprechung in die Falloway-Zentrale gerufen. Ryker sagt, es sei wichtig, also müssen wir hin.“ Mir gefror das Blut in den Adern. Das musste ein Trick von ihm sein. Er plante etwas. Mein Herz raste, Fragen wirbelten durch meinen Kopf. Wir waren schon mehrere Wochen in der Stadt – und ausgerechnet jetzt kam diese Besprechung? Das konnte kein Zufall sein. Nicht nach gestern. Was hatte er vor?
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