Valerie
„Warum bist du nicht unten? Weißt du nicht, dass deine Eltern und Alyn auf dich warten?“ bellte er und starrte mich wütend an.
Der Tradition nach konnte das Frühstück im Rudelhaus nicht beginnen, ohne dass ich anwesend war. Deshalb quälte ich mich jeden Morgen so früh aus dem Bett, obwohl ich alles andere als ein Morgenmensch war.
Wäre ich nicht wie erstarrt gewesen, hätte ich es vielleicht früher bemerkt.
„Ich… es tut mir leid“, stammelte ich, „ich war nur gerade –“
„Keine Ausreden“, unterbrach er mich scharf. „Alyn hat sich gerade erst von ihrer Erkältung erholt, und du lässt sie auf das Essen warten? Komm jetzt, damit endlich alle essen können.“
Ich presste die Lippen zusammen, während er sich umwandte, ohne mir auch nur ein weiteres Wort zu gönnen. Der Schock wich einem vertrauten, dumpfen Schmerz, und ich lächelte bitter.
Natürlich. Das Einzige, was für ihn zählte, war Alyn.
Ich hatte gedacht, ich hätte mich daran gewöhnt. Aber dieses Mal, dieses zweite Mal, tat es noch mehr weh.
„Da bist du ja endlich!“, schnaubte meine Mutter, als ich den Raum betrat. „Das Essen wird kalt. Willst du etwa, dass Alyn wieder krank wird?“
Ich biss die Zähne zusammen. Alyn hätte jederzeit essen können – genau wie meine Eltern, wenn sie in ihren eigenen Häusern geblieben wären. Aber nein. Sie bestanden darauf, ins Rudelhaus zu kommen, das eigentlich nur Tristan und mir gehören sollte. Mit Alyn im Spiel hatte er ihnen praktisch ein zweites Zuhause hier eingerichtet.
Wäre diese Tradition nicht gewesen, hätten sie mich wahrscheinlich komplett vergessen.
„Mom, ist schon gut. Sei nicht so streng mit Schwester. Bestimmt hatte sie etwas Wichtiges zu tun“, sagte Alyn mit ihrem gewohnt anmutigen Lächeln. Mir drehte sich der Magen um bei diesem Anblick – dieses Lächeln, das ich nun mit ihren wahren Geständnissen in Verbindung brachte.
„Entschuldige sie nicht auch noch“, mischte sich Tristan ein, der neben mir stand. Er würdigte mich nicht einmal eines Blickes. „Sie hat nichts getan, außer faul zu sein.“
Ich schluckte schwer, ließ seine Worte auf mich wirken und setzte mich schließlich.
Es fühlte sich an wie ein ganz normaler Tag, genau wie in meinem früheren Leben. Doch jedes Mal, wenn ich Alyn ansah, war ich auf der Hut, als erwartete ich, dass sie sich jeden Moment auf mich stürzen würde. Aber nichts geschah.
Sie würde es nicht tun, wurde mir klar. Sie musste ihre Bosheit gar nicht offen zeigen, nicht, solange ohnehin alle auf ihrer Seite standen.
Und ich war die Einzige, die die Wahrheit kannte.
Während des gesamten Frühstücks beklagten sich meine Eltern über dies und das, was angeblich wieder einmal meine Schuld war. Alyn schwieg meistens, verteidigte mich nur schwach und halbherzig , was die Vorwürfe gegen mich nur noch mehr anheizte. Es war subtil, aber so offensichtlich, dass es in mir immer bitterer wurde.
Und doch konnte ich nichts dagegen tun.
War es nicht genau wie in meinem früheren Leben?
Jetzt sah ich kristallklar, wie geschickt sie alle gegen mich aufgebracht hatte, während sie sich gleichzeitig bei ihnen einschmeichelte, ihre Bewunderung gewann und ihren gesamten Zorn auf mich lenkte.
Und alle spielten mit, ohne auch nur das Geringste zu ahnen.
Ich hatte in meinem früheren Leben so sehr gekämpft, hatte auf Veränderung gehofft, und was hatte es mir eingebracht?
Würde es diesmal überhaupt etwas nutzen?
Der Appetit war mir längst vergangen. Allein der Anblick des Essens ließ mein Blut kochen und Tränen in meine Augen steigen. Es war selbstverständlich nach Alyns Geschmack zubereitet worden. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte, das mir wirklich schmeckte.
Die Übelkeit wurde stärker. Ich blickte mich um – alle waren auf Alyn fixiert. Niemand bemerkte mich. Niemand interessierte sich für mich.
Das ging schon so lange so. Ein elendes, machtloses Dasein.
Bevor ich mich versah, platzte es aus mir heraus. Ich schlug mit beiden Händen auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte, und stürmte hinaus. Ich konnte es keine Sekunde länger ertragen.
Ich hatte ihr Verhalten erwartet, ja – aber es noch einmal zu durchleben machte alles nur noch klarer. Kaum hatte ich die Tür zu meinem Zimmer hinter mir zugeschlagen, brach ich zusammen und ließ den Tränen freien Lauf.
Jetzt wusste ich alles, was sie getan hatte – aber was brachte das schon? Ich hatte immer gekämpft, hatte mein Bestes für das Rudel gegeben, und dafür war ich nur herabgewürdigt worden. Es lag nicht nur an ihrer Hinterhältigkeit. Sie glaubten ihr blind und mir nie.
Warum sollte ich mich noch für Leute aufopfern, die sich nicht einmal die Mühe gaben, in meinen letzten Atemzügen bei mir zu sein?
Gegen sie zu kämpfen war sinnlos. Sie hatte bereits gewonnen. Egal, wie ich es anstellte – ich würde verlieren und elend sterben.
Entschlossenheit erfüllte mich. Dieses Mal durfte es nicht dazu kommen.
Mein Tod hatte mit einem kleinen Konflikt begonnen – ausgerechnet von Alyn mit einem anderen Rudel angezettelt. Die Lösung wäre einfach gewesen, hätten sie mir nur zugehört. Doch Tristan und das Rudel hatten mich ignoriert.
Nicht nur sie – das ganze Rudel war weder für mich noch für mein ungeborenes Kind sicher.
Ich schluckte hart.
Die Lösung war einfach: Ich musste meine Position als Luna aufgeben, die Gefährtenbindung lösen und das Rudel verlassen. Das bedeutete, zur Roge zu werden und alles zurückzulassen, was ich kannte, alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet hatte.
Aber es bedeutete auch Freiheit von diesem höllischen Albtraum. Es bedeutete, endlich zu leben.
Ich schloss die Augen fest. Hastig ging ich zum Schreibtisch, zog ein Blatt Papier heraus und begann zu planen.
Das Leben würde anders werden – aber es würde sich lohnen. Ich hatte Ersparnisse, die ich kaum angerührt hatte (immer nur für das Rudel). Damit konnte ich mir ein neues Leben aufbauen, in der Menschenwelt überleben.
Manche Städte grenzten an andere Rudel-Territorien, aber ich hatte nicht vor, aufzufallen. Wenn ich unauffällig blieb, konnte ich friedlich unter Menschen leben.
Ein Funke Hoffnung glomm in meiner Brust auf. Das konnte die Lösung sein. Ein Neuanfang. Die Chance, wieder herauszufinden, wer ich wirklich war – ohne Ketten. Ohne dieses Ort, an dem ich machtlos und verletzlich blieb.
Vielleicht hatte die Mondgöttin tatsächlich Erbarmen mit mir gehabt. Wie auch immer – ich würde diese zweite Chance nicht verschwenden.
Dafür war eine Wiedergeburt doch da, oder nicht?
Plötzlich öffnete sich die Tür. Ich drehte mich um und sah Mina mit einem Tablett in den Händen.