Valerie
„Wer weiß“, summte sie genüsslich, „vielleicht nenne ich unser erstes Kind ja sogar nach dir – als Trophäe. Die anderen werden denken, wie rührend und sentimental ich doch bin. Aber nur ich werde die Wahrheit kennen. Dass nämlich ich gewonnen habe.“
Am liebsten wäre ich hochgefahren, hätte geschrien, sie geschlagen – doch ich war bereits zu schwach. Das Leben floss aus mir heraus, jede Sekunde wurde der Faden dünner, an dem ich noch hing.
Trauer und bittere Resignation erfüllten mich. All meine Liebe, all meine Mühe, all meine Opfer – wofür?
Für einen Mann, der mich nie geliebt hatte. Der mich bei jeder Gelegenheit abgelehnt und verachtet hatte. Für eine Schwester, die mich von Anfang an verraten und gezielt zugrunde gerichtet hatte. Für Eltern, die mich schon lange nicht mehr beachtet hatten. Für ein Rudel, das meine Bemühungen nie geschätzt und mich immer nur herabgewürdigt hatte.
Mein Kind und ich starben – und nicht eine der Personen, die ich liebte, war bei mir. Niemand kümmerte sich.
Meine letzten Augenblicke wurden einzig und allein von Alyn und ihrer kalten, bösartigen Wahrheit begleitet.
Noch eine Träne lief mir über die Wange, dann spürte ich auch das nicht mehr.
Wenn ich doch nur noch einmal von vorn beginnen könnte …
„Leb wohl, Valerie.“ Alyns Stimme hallte wie aus weiter Ferne. Das Atmen fiel mir immer schwerer, die Kälte fraß sich in jede Faser meines Körpers. Ich holte ein letztes, zitterndes Mal Luft und …
….
Es fühlte sich an, als schwämme ich eine Ewigkeit lang durch pure Dunkelheit, als plötzlich ein schriller Ton die friedliche Stille zerriss. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, doch dann kitzelte etwas an meiner Wange. Langsam öffneten sich meine Augen – grelles Licht blendete mich.
War das etwa … der Himmel?
„Luna, aufwachen!“ Ich blinzelte und erkannte Mina, die sich über mich beugte.
„Was …?“, keuchte ich völlig verwirrt.
Sie lächelte. „Sind Sie noch müde, Luna? Leider bleibt keine Zeit – und die Göttin weiß, dass Sie das niemals erlauben würden, wenn Sie richtig wach wären.“
Mein Herz raste. Ich setzte mich ruckartig auf und sah mich um.
Das war mein Bett. Mein Zimmer.
„Wie …“, flüsterte ich und brach ab.
„Geht es Ihnen gut, Luna?“ Mina sah mich besorgt an.
Aus purem Reflex riss ich mich zusammen und verbarg mein Entsetzen.
„J-Ja“, stammelte ich, „ich brauche nur … einen Moment.“
„Natürlich.“ Sie lächelte noch einmal und verließ den Raum.
Erst als die Tür ins Schloss fiel, stand ich auf.
War das ein Traum? Ich kniff mich fest in den Arm – und schrie fast auf vor Schmerz. Alles fühlte sich absolut echt an.
Ich war gestorben. Wie konnte ich dann hier sein?
Instinktiv griff ich nach meinem Handy und schaute auf das Datum.
30th April.
Das ergab keinen Sinn. Das war Monate her – lange bevor ich …
Mir stockte der Atem. Mein letzter Gedanke …
Wenn ich doch nur alles noch einmal machen könnte …
Ich kniff mich noch einmal, nur um ganz sicher zu sein.
Etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte. Etwas, das nur in alten Märchen und Kindergeschichten vorkam.
Ich war wiedergeboren!
Das hier war fast drei Monate vor jenem verhängnisvollen Tag, etwa eine Woche vor dem Jahrestag unserer Paarungszeremonie. Ich war bereits seit einem Jahr Luna gewesen und hatte mich so sehr auf diese Feier gefreut – eine Gelegenheit, endlich einmal etwas richtig zu machen, ohne Kritik zu ernten. Stattdessen war die ganze Veranstaltung von Gerüchten überschattet gewesen. Ich erinnerte mich an die bohrenden Blicke, die Demütigungen, das Getuschel – unter anderem darüber, dass ich „unfruchtbar“ sei.
Moment mal …
Ich keuchte auf und presste beide Hände auf meinen flachen Bauch. Wenn ich wirklich zurückgekehrt war, dann war auch mein Baby wieder da.
Tränen schossen mir in die Augen. Auch wenn äußerlich noch nichts zu sehen war – wie in all den Monaten meiner verborgenen Schwangerschaft –, ich spürte es. Es war wieder da.
Was sollte ich jetzt tun?
Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, knallte die Tür mit einem lauten Krachen auf.
Keine andere als mein Gefährte und Ehemann, Tristan, stürmte herein.