Lily
Der Tag war endlich da.
Ich war erst seit knapp einer Woche im Dienst und hatte versucht, mich an meinen neuen Arbeitsplatz zu gewöhnen. Mit einem eigenen Büro und reichlich Arbeit blieb keine Zeit zum Plaudern. Das störte mich nicht – ich war zu sehr in meine neue Aufgabenlast vertieft, um mich darum zu kümmern.
Aber jetzt war etwas Neues dazugekommen. Am Morgen war ein Memo eingetroffen, das eine spontane Besprechung mit mehreren Partnern ankündigte. Eine Besprechung, an der ich teilnehmen musste.
Und Alexander Sinclair, der CEO, würde ebenfalls anwesend sein.
Ich freute mich darauf mit einer Mischung aus Aufregung und Neugier. Endlich würde ich dem Mann gegenüberstehen, der mich eingestellt hatte.
Als ich den Konferenzraum betrat, klopfte mir das Herz vor Anspannung bis zum Hals. Der Raum war mit einem langen Mahagonitisch und bequemen Sesseln ausgestattet. Das große Fenster bot einen atemberaubenden Panoramablick über die Stadt.
Ich nahm Platz und ordnete den Stapel Papiere sowie das schlanke Tablet, auf dem alle Details der Besprechung gespeichert waren.
Die Minuten vergingen, und der Raum füllte sich allmählich mit dem gedämpften Murmeln der eintreffenden Teilnehmer. Ich schaute mich um und erkannte einige Gesichter aus der oberen Führungsebene des Hotels – Emily war ebenfalls dabei. Bald war der Raum voll besetzt.
Nur eine Person fehlte noch. Mein Blick haftete an dem leeren Stuhl am Kopfende des Tisches – dem Machtsitz, der für genau eine Person reserviert war.
Den CEO.
Die Zeit verstrich, nichts rührte sich. Gerade als sich erste Unruhe breitmachte, schwang die Tür am anderen Ende des Raums auf. Ein Mann trat ein – und mit ihm breitete sich eine seltsame Aura im Raum aus.
Mein Atem stockte, als meine Augen auf ihn fielen.
Allein an seiner Statur erkannte ich sofort, dass er derselbe Mann war, den ich während meines „Vorstellungsgesprächs“ gesehen hatte. Der vertraute Unbekannte, den ich nicht hatte einordnen können.
Doch in dem Moment, als er mich ansah, fielen alle Puzzleteile an ihren Platz.
Diese Augen. Diese blauen Augen…
Die Erinnerungen stürzten wie ein Ozean über mich herein und füllten die Lücken und Unschärfen meines Geburtstags. Der attraktive Mann, den ich in der Bar getroffen und auf die Tanzfläche gezerrt hatte. Der namenlose Mann, mit dem ich die Nacht verbracht hatte.
Sein Gesicht. Seine Haare. Sein Körper. Diese Augen.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitzschlag. Wie hatte ich die Zusammenhänge nicht früher sehen können?
Mein Blick folgte ihm, während er sich auf den einzigen freien Stuhl setzte – ein wildes Pochen breitete sich in meiner Brust aus.
Der Mann, mit dem ich in der Nacht meines Geburtstags geschlafen hatte – genau jener rätselhafte Fremde, mit dem ich diese leidenschaftliche Nacht geteilt hatte – war niemand Geringeres als der Eigentümer von Luminous Works: Alexander Sinclair.
Mein Gott. Ich hatte mit einem CEO geschlafen. Mit meinem neuen Chef. Mit dem Mann, mit dem ich direkt zusammenarbeitete.
Kalte Schweißperlen bildeten sich auf meiner Haut, mein ganzer Körper erstarrte.
Er schenkte mir keinerlei Beachtung, war völlig auf die vor ihm ausgebreiteten Dokumente konzentriert. Sein pechschwarzes Haar war perfekt frisiert und umrahmte ein Gesicht mit markant geschnittenen Zügen.
Seine ozeanblauen Augen – scharf und durchdringend, selbst aus der Entfernung. In seinem Blick lag eine Intensität, eine Tiefe, die mich erstarren ließ, während er die anderen musterte.
Er strahlte eine unbestreitbare Aura von Macht aus, eine gebieterische Präsenz, die den gesamten Raum in ihren Bann zog.
„Guten Tag.“ Seine tiefe, volltönende Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. In diesem Moment schien seine Stimme den ganzen Raum zu beherrschen und mich gefangen zu nehmen. Offensichtlich war ich nicht die Einzige, die das spürte – die anderen richteten sich unwillkürlich auf.
Während die Besprechung fortschritt, konnte ich mich nur mit Mühe auf die Worte konzentrieren. Der Großteil meiner Aufmerksamkeit galt ihm. Verstohlen beobachtete ich ihn von meinem Platz aus, während der Schock der Erkenntnis langsam einer Welle aus Neugier wich.
Er blieb völlig in die Verhandlungen vertieft, seine Konzentration unerschütterlich. Er warf mir nicht einen einzigen Blick zu, schien mein Starren gar nicht zu bemerken.
Weiß er es? Die Frage tauchte auf. So lange hatte ich mich gefragt, welche Verbindung dieser Fremde zu meiner Einstellung hatte. Ob es überhaupt eine gab. Und jetzt, da ich wusste, wer er war…
Hatte er mich wegen unserer gemeinsamen Nacht ausgewählt? Oder bildete ich mir das nur ein?
Mein Herz raste, als die Besprechung sich dem Ende näherte. Mein Blick folgte ihm, als er aufstand und den Raum verließ.
Ich hatte ebenfalls keinen Grund zu bleiben. Ich raffte meine Unterlagen zusammen und eilte ihm hinterher, entschlossen, ihn einzuholen.
Ich rannte durch den leeren Flur, um ihn zu erreichen – und bemerkte nicht, dass er sich bereits umgedreht hatte.
Ein kurzer Seufzer der Erleichterung entwich mir, als ich abbremste und ihn gerade noch nicht anrempelte. Doch dieser kurze Moment der Erleichterung verwandelte sich sofort in Beklommenheit.
Seine Augen bohrten sich in meine, sein Gesichtsausdruck so hart wie seine Haltung.
„Ja?“ fragte er und holte mich abrupt in die Gegenwart zurück.
Plötzlich waren alle vorbereiteten Worte wie weggeblasen. Was sollte ich in diesem Moment sagen? Sollte ich unsere Nacht ansprechen? Ihn fragen, warum er mich ausgewählt hatte?
„Vielen Dank für die Gelegenheit… Sir?“ brachte ich schließlich hervor und verneigte mich leicht.
Vielleicht war Dankbarkeit alles, was ich brauchte.
Ich richtete mich wieder auf und traf auf seinen ausdruckslosen Blick. Plötzlich trat er einen Schritt näher – unsere Nähe überraschte mich.
Was tat er da? Ich schluckte schwer, Herz und Gedanken rasten. Was würde er sagen?
„Wer sind Sie?“