Valerie
Seinem Rudel beitreten?
Allein der Gedanke jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich hatte gerade erst meine Freiheit zurückerobert – hart erkämpft, blutig bezahlt – und das Letzte, was ich jetzt wollte, war, mich schon wieder an ein Rudel ketten zu lassen an neue Regeln, neue Erwartungen, neue Alphabefehle.
Aber Alistair einfach abzuweisen … das würde Konsequenzen haben. Schwere Konsequenzen. Ich würde mir einen mächtigen Feind machen, und zwar genau den Mann, der indirekt für den Tod meines Kindes und meinen eigenen „Tod“ verantwortlich war. Der Gedanke daran ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Konnte ich es wirklich riskieren, ihn gegen mich aufzubringen?
Ich steckte in der schlimmsten aller Zwickmühlen fest.
Mein Verstand raste. Ich wog jede Möglichkeit ab, drehte jeden Stein um. Konnte ich Alistair überhaupt trauen? Selbst wenn ich ihm als Alpha vertraute – was war mit dem Rest seines Rudels? Würden sie mich akzeptieren? Oder würde ich wieder nur die Außenseiterin sein, die man duldet, aber nie wirklich willkommen heißt?
Nein. Ich wollte das nicht. Ich wollte kein Rudel mehr. Nie wieder.
Je länger ich darüber nachdachte, desto zerrissener fühlte ich mich. Auf der einen Seite brannte die Sehnsucht nach Unabhängigkeit in mir wie ein helles, klares Feuer. Auf der anderen Seite lauerte die nackte Angst vor den Folgen einer Ablehnung. Die Stille zwischen Alistair und mir wurde immer dichter, immer drückender. Er wartete geduldig – oder vielleicht auch ungeduldig – auf meine Antwort.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Wenn ich nein sagte … was würde er dann tun? Mich einfach gehen lassen? Oder mich doch noch brechen?
Nach endlosen Minuten der Qual kam mir endlich eine Idee.
„Nein“, sagte ich schließlich laut und deutlich. Alistair runzelte die Stirn, doch bevor er etwas entgegnen konnte, sprach ich hastig weiter: „Ich werde deinem Rudel nicht beitreten. Aber ich habe einen Gegenvorschlag.“
Er hielt inne, hob eine Augenbraue. Ich schluckte meine Nervosität hinunter und legte mein Angebot dar.
Als ich fertig war, lachte er leise – ein dunkles, amüsiertes Lachen, das mir durch Mark und Bein ging. Es war offensichtlich nicht das, was er sich erhofft hatte. Dennoch nickte er schließlich.
„Du verstehst es wirklich, zu feilschen“, sagte er anerkennend. „Also gut. Abgemacht.“
Er streckte mir die Hand entgegen.
„Es ist mir ein Vergnügen, mit dir zusammenzuarbeiten … Valerie“, schnurrte er, und sein Tonfall ließ meinen Namen klingen wie eine intime Berührung.
Ich antwortete nicht, ergriff nur seine Hand. In dem Moment, in dem sich unsere Finger berührten, schoss ein scharfer, elektrischer Impuls durch meinen ganzen Körper. Es fühlte sich an wie ein Blitz, der direkt in meine Seele einschlug. Ich konnte es kaum verarbeiten, ließ hastig los und blickte in seine eisblauen Augen.
„Gleichfalls“, brachte ich mühsam hervor.
Als ich den Saal verließ, kreiste das seltsame Gefühl noch immer in mir. Hatte ich das Richtige getan?
…
EIN MONAT SPÄTER
An jenem Tag hatte ich einen Alternativ deal ausgehandelt – einen Kompromiss, der uns beiden genug gab, um das Gesicht zu wahren.
Ich lehnte den Beitritt zu seinem Rudel weiterhin ab, erklärte mich aber bereit, als seine persönliche Beraterin und bei Bedarf als neutrale Vermittlerin für das Rudel zu fungieren. Im Gegenzug erhielt ich meine volle Freiheit plus den Schutz seines Rudels und seines Territoriums innerhalb der Stadt. Keiner von uns bekam alles, was er wollte, aber wir bekamen genug.
Letztendlich störte mich der Deal nicht einmal sonderlich. Mina übernahm einen großen Teil der Arbeit im Blumenladen, während ich mindestens zweimal pro Woche an den Rudelversammlungen teilnahm.
Mit Alistair zusammenzuarbeiten war … einschüchternd. Am Anfang jedenfalls. Doch überraschenderweise wurde er mit der Zeit entspannter mir gegenüber. Er benahm sich weniger wie ein strenger Alpha und mehr wie ein etwas laxer Chef – manchmal sogar fast wie ein Freund, obwohl ich weiterhin Abstand hielt. Immer wieder bot er mir einen festen Platz im Rudel an, und ich lehnte jedes Mal ab. Manchmal rief er mich einfach nur an, um zu plaudern, und ich wusste nie im Voraus, ob das Gespräch ernst oder nur ein Vorwand war.
So wie jetzt.
„Entschuldigung“, murmelte ich der Kundin zu, verließ den Tresen und winkte Mina heran, damit sie übernahm. Mein Handy vibrierte schon wieder. Ich nahm den Anruf entgegen – und wurde sofort von einem Schwall wüster Flüche empfangen.
Ich erstarrte. So wütend hatte ich Alistair noch nie erlebt. Seine Stimme donnerte durch die Leitung wie ein Gewitter.
„Was ist passiert?“ fragte ich vorsichtig.
„Offenbar kennt dein ehemaliges Rudel weder das Wort Respekt noch die Konsequenzen dessen, was sie gerade getan haben“, knurrte er.
Mein Blut gefror.
Während er erklärte, was vorgefallen war, sackte mein Herz in die Knie. Es war exakt dasselbe Muster wie damals – wieder einmal hatte Alyn einen Streit vom Zaun gebrochen, der außer Kontrolle geraten war.
„Was hast du vor? Hast du ihnen den Krieg erklärt?“ Meine Stimme zitterte, obwohl ich versuchte, ruhig zu bleiben. Ich hatte jeden Kontakt zu ihnen abgebrochen, aber der Gedanke, dass der alte Krieg wieder aufflammen könnte …
„Nein“, antwortete er und lachte humorlos. Mein angehaltener Atem entwich in einem erleichterten Seufzen. „Warum sollte ich? Ich habe ja schließlich eine Vermittlerin, nicht wahr? Eine, die zufälligerweise blutsverwandt mit genau diesem Rudel ist.“
Die Erleichterung verwandelte sich schlagartig in kalte Angst.
Ich hatte gehofft, die Vergangenheit wäre endgültig begraben. Doch das Schicksal machte mir einen Strich durch die Rechnung. Es gab kein Entkommen.
Das Eclipse-Rudel. Meine Eltern. Alyn. Und Tristan.
Ich würde ihnen allen wieder gegenübertreten müssen.
Die folgenden Tage vergingen wie im Flug, nachdem Alistair die Vermittlung offiziell angekündigt hatte. Er hatte den Ort bestimmt – natürlich seinen eigenen Rudelsaal. Alles war vorbereitet. Nun blieb nur noch eines: mich ihnen zu stellen.
Auf der Fahrt dorthin hatte ich genug Zeit, mich innerlich zu wappnen. Als der Wagen hielt, war ich so bereit, wie ich nur sein konnte.
„Danke“, murmelte ich, als zwei Rudelwachen mir galant aus dem Auto halfen. Ob wegen meines regelmäßigen Erscheinens oder wegen des Deals – die Mitglieder des Shadow-Moon-Rudels waren mir gegenüber deutlich freundlicher und höflicher geworden. Auf dem Weg zum Saal grüßten mich einige von ihnen sogar mit einem Lächeln. Dennoch konnte nichts meine wachsende Nervosität stoppen.
Ich atmete tief durch, öffnete die schwere Flügeltür und trat ein.
Zwei Rudel. Meine Vergangenheit und meine Gegenwart. Vereint in einem Raum.
„Die Beraterin des Shadow-Moon-Rudels, Valerie Valentine!“, verkündete der Zeremonienmeister laut.
Ich brauchte meine ganze Selbstbeherrschung, um nicht zu stolpern, während ich durch den Saal schritt und die unzähligen Blicke ignorierte. Erst als ich mich auf den neutralen Mittelplatz zwischen den beiden Rudeln setzte, hob ich den Kopf.
Die Mitglieder meines ehemaligen Rudels starrten mich an wie einen Geist. Meine Eltern saßen ebenfalls da – bleich, mit weit aufgerissenen Augen.
Und Tristan …
Ich erstarrte unter der Wucht seines Blicks. Er sah nicht wütend aus. Eher … anders. Seine Augen brannten mit einer Intensität, die ich so noch nie bei ihm gesehen hatte. Fast schon besitzergreifend. Hungrig.
Plötzlich sprang mein Vater auf, das Gesicht puterrot.
„Was soll das, Alpha Alistair?“, brüllte er. „Wie könnt Ihr es wagen, unsere Tochter gefangen zu nehmen, nur um diesen Streit zu schlichten?“
„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Worten, Mr. Valentine. Sie mögen älter und angesehen sein, aber Sie sind immer noch nur ein Beta, und zwar einer, der sich in meinem Revier befindet.“ Alistair unterbrach ihn: „Sie ist nicht mehr Mitglied Ihres Rudels oder Luna, wie wir und viele andere Rudel wissen. Sie alle waren stolz darauf, dies während der Jahresversammlung zu verkünden, warum beschweren Sie sich dann jetzt alle? Sie hat meine Position aus freiem Willen angenommen. Es gibt keinen Grund für euch, euch zu beschweren, es sei denn ... ihr macht euch Sorgen um etwas?“
Gemurmel erhob sich im Saal, doch ich hörte kaum hin.
Warum starrte Tristan mich noch immer so an?