Valerie
„Genug“, sagte ich mit einer Stimme, die alle verstummen ließ. In diesem Moment fühlte ich mich wieder wie eine Luna. Ich wich dem durchdringenden Blick an meiner Seite aus, bevor ich fortfuhr.
„Lasst uns diese Angelegenheit klären.“
Als Vermittlerin war es meine Aufgabe, erst zuzuhören, bevor ich ein Urteil fällte. Beide Seiten trugen ihre Argumente vor; der Streit hatte damit begonnen, dass die Tochter eines Betas durch Alys verletzt worden war, bevor eine Pause vorgeschlagen wurde.
Ich durfte mich frei bewegen, während ich über mein Urteil nachdachte, blieb aber abrupt stehen, als ich aus einer Ecke Gemurmel hörte. Es waren Mitglieder meines ehemaligen Rudels.
„Das ist ja so nervig. Alpha Tristan hat kaum ein Wort gesagt“, zischelte einer von ihnen, woraufhin ich die Stirn runzelte.
Auch ich hatte es bemerkt und war genauso verwirrt. Wie konnte der Mann, der Alys sonst immer verteidigte, plötzlich schweigen?
„Ist er immer noch krank? Der Rudelarzt hat doch gesagt, es gäbe nichts Ernsthaftes…“, flüsterte ein anderer, was meine Ohren spitzen ließ.
„Alpha Tristan ist nicht mehr derselbe, seit er plötzlich ohnmächtig geworden ist“, murmelte ein Dritter. „Das ist jetzt zwei Wochen her – und genau in dieser Zeit hat der Konflikt angefangen. Er muss eine Menge durchmachen.“
„Und jetzt ist die – die ehemalige Luna dem Shadow-Moon-Rudel beigetreten? Was zur Hölle? Glaubt ihr etwa –“
Ich ging weiter, bevor ich mehr hören konnte.
‚Er ist vor zwei Wochen ohnmächtig geworden?‘ Meine Brauen zogen sich zusammen. In meinen Erinnerungen war das nie passiert. Was hatte sich verändert?
‚Vieles kann geschehen sein‘, rechtfertigte ich innerlich.
Genau wie ich überrascht gewesen war, dass Alys noch immer nicht Luna war – oder zumindest nicht „zukünftige Luna“ genannt wurde. Es waren Monate vergangen, seit ich gegangen war. Ich hätte längst eine Paarungszeremonie erwartet. War das der Grund?
Ich schob die Gedanken schnell beiseite. Es stand mir nicht mehr zu, darüber nachzudenken.
…
Als wir zur Versammlung zurückkehrten, war ich bereit für das Urteil. Der Konflikt, der mir im letzten Leben das Leben gekostet hatte, würde heute enden.
Ich nahm Platz und sprach.
„Die Lösung dieses Konflikts ist einfach und hätte schon längst gefunden werden können, wäre da nicht der Stolz gewesen. Da das Eclipse-Rudel die erste Verfehlung begangen hat, wird es auch die Konsequenzen tragen. Alyn Valentine vom Eclipse-Rudel hat sich öffentlich beim Shadow-Moon-Rudel und bei der Tochter des Betas zu entschuldigen. Gemäß der Tradition der Rudel ist das Eclipse-Rudel verpflichtet, diese öffentliche Entschuldigung abzugeben und ein Geschenk an das Rudel zu schicken.“
Es war die einfachste und fairste Lösung. Das Eclipse-Rudel mangelte es nicht an Ressourcen. Aber würden sie sie so ohne Weiteres akzeptieren?
Ich hielt den Atem an und wartete auf Widerstand – als Tristan plötzlich aufstand.
„Ich, Alpha Tristan, nehme diese Strafe an“, verkündete er.
Ich erstarrte. Von allen Personen hätte ich am wenigsten erwartet, dass ausgerechnet er zustimmte.
Seine Augen ruhten noch immer auf diese seltsame Weise auf mir. Ich zwang mich wegzuschauen.
Als ich Alistairs Blick begegnete, entspannte ich mich. Meine Sorgen verflogen; er wirkte zufrieden mit dem Urteil und lächelte.
„Dann ist der Konflikt zwischen unseren Rudeln damit beigelegt“, erklärte er. Es fühlte sich an, als wäre eine tonnenschwere Last von meiner Brust gefallen.
Alys musste sich öffentlich entschuldigen. Ich spürte ihren und den bösen Blick meiner Eltern. Ich ignorierte sie. Schwieriger war es, Tristans durchdringenden Blick zu ignorieren, aber ich war entschlossen, es zu tun.
Es spielte ohnehin keine Rolle mehr – ich würde bald abreisen.
Doch ich konnte nicht. Zu meiner Überraschung schlug Alistair spontan ein Fest vor, um die erneuerte Allianz der Rudel zu feiern. Es gab kein Entkommen. Kaum hatte er es ausgesprochen, strömten bereits Bedienstete und Rudelmitglieder herein – mit Essen, Getränken und Musik. Binnen Minuten verwandelte sich der Saal, der eben noch von Spannung erfüllt gewesen war, in ein fröhliches Fest, als hätte es den Streit nie gegeben.
Gut zwanzig Minuten nach Beginn des Festes schlüpfte ich hinaus und trat in den nahen Garten, um frische Luft zu schnappen. Ich war am Abend im Rudel angekommen; nun, da alles geklärt war, war es bereits Nacht geworden.
Ich schrieb Nina schnell eine Nachricht, lehnte mich dann gegen eine der Säulen und blickte in den Sternenhimmel. Die Krise, die mir einst das Leben genommen hatte, war endgültig abgewendet. Sobald sie abreisten, gab es keinen Grund mehr, je wieder Kontakt aufzunehmen.
„Valerie.“
Ich erstarrte bei der Stimme hinter mir. Blitzschnell drehte ich mich um – und hielt den Atem an.
Er hätte eigentlich feiern sollen. Das Eclipse-Rudel war ohne Blutvergießen abgereist, Alys war bei ihm – warum also war er hier?
Hitze stieg in mir auf bei dem Blick, den er mir schenkte.
„Was machst du hier?“, fuhr ich ihn an.
„Ich musste dich sehen.“
Bevor ich seine Worte begreifen konnte, wurde ich plötzlich von seinen Armen umschlossen. Fassungslos erkannte ich, dass er mich festhielt.
In Panik schob ich ihn von mir, taumelte zurück.
„Was zur Hölle stimmt nicht mit dir?!“, schrie ich und schlang die Arme schützend um meinen Oberkörper.
„Ich musste dich sehen, Valerie“, hauchte er und streckte die Hände aus, um meine Schultern zu fassen. Ich zuckte bei der Berührung zusammen, doch sie war sanft, während er mich musterte.
„Entschuldigen Sie, Alpha Tristan, aber wir sind keine Gefährten mehr und …“
„Das spielt keine Rolle.“ Seine Stimme wurde scharf. „Was wirklich zählt, ist zu wissen, warum zur Hölle du hier bist!“ Er brachte mich zum Schweigen. „Was hast du dir nur gedacht, dich diesem Rudel anzuschließen? Wurdest du gefangen genommen? Bist du verletzt? Wie geht es dem Baby?“
‚Warte …‘
Ich erstarrte, als mir die Erkenntnis dämmerte.
„Woher weißt du von dem Baby?“, fragte ich entsetzt. Selbst jetzt war es noch ein Rätsel, und damals hatte er definitiv nichts gewusst – es sei denn …
Ich sah ihn an, mein Herz zitterte.
Derselbe Ausdruck trat in seine Augen.
„Ich habe es gesehen. Das Baby, das du verloren hast … als du gestorben bist“, sagte er.
Ich war ungläubig. Das konnte nicht wahr sein.
Er sah mich mit einer ganzen Bandbreite an Emotionen an, und ich konnte jede einzelne davon lesen. Entschlossenheit. Verzweiflung...
Qual.
„Ich weiß alles.“