Hoffnung (2)

755 Words
Lily Und hier stand ich nun. Der schlichte, elegante Umschlag lag in der Schublade. Ich erinnerte mich an den Tag, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte – den Schock, der mich durchfuhr, als ich ihn aus den Kleidern zog. Zuerst hatte ich den Umschlag misstrauisch betrachtet und mir alle möglichen Erklärungen ausgedacht, wie er dort hineingekommen sein könnte – ohne Erfolg. Doch beim Anblick dieses zweiten Andenkens an jene Nacht konnte ich nicht anders, als eingeschüchtert zu sein. „Was, wenn es eine Nachricht von ihm ist? Was, wenn es ein Versehen war?“ hatte ich damals gedacht. Es konnte etwas völlig Banales oder etwas Rätselhaftes sein. Die Möglichkeiten waren endlos. Dann holte mich die Realität ein und ich drängte alle Gedanken beiseite. Es war Vergangenheit, und ich hatte genug andere Dinge zu erledigen. Also schob ich ihn weg und bewahrte ihn in der Schublade auf. In den folgenden Tagen war ich von der unerbittlichen Jobsuche verschlungen worden, ertrank in einem Meer aus Absagemails und unbeantworteten Bewerbungen. Und jetzt? Nach einer weiteren Kette von Absagen, die mich an meinem eigenen Wert zweifeln ließen, war der Drang, ihn zu öffnen, unerträglich geworden. Warum nicht öffnen? Was hielt mich davon ab? Selbst wenn es nichts wirklich Wichtiges war, könnte es mich wenigstens für einen Moment ablenken. Alles war besser als dieser entmutigende Kreislauf der Jobsuche, der mich auffraß. Mit einer Mischung aus Neugier und Beklommenheit zog ich den Umschlag heraus und schob langsam meinen Finger unter die Lasche. Sie gab mit einem leisen Rascheln nach und enthüllte – eine einzelne schwarze Karte, makellos und elegant, mit einer Reihe von Zahlen in fetten silbernen Lettern. Die Karte trug keinen Namen, keinen Hinweis auf ihren Zweck, nur diese Ziffern. Ich starrte sie an, verwirrt und fasziniert. Was bedeutete das? Der Drang, das Rätsel zu lösen, übermannte mich. Ich nahm mein Handy, meine Finger zitterten leicht, als ich die Nummer auf der Karte wählte. Mit jeder Ziffer wuchs meine Unruhe. Jede fühlte sich an wie ein Schritt ins Unbekannte. Das Telefon klingelte zweimal, bevor eine Stimme ranging. „Luminous Works. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Stimme war ruhig, doch ich konnte den Schock nicht unterdrücken, der mich durchzuckte. „Ähm… hallo“, begann ich, meine Stimme zitterte vor Unsicherheit. „Ich… ich bin mir nicht ganz sicher, warum ich anrufe, aber ich habe diese Karte mit einer Nummer bekommen und dachte…“ Ich brach ab, wusste nicht, was ich sagen sollte. „Wie ist Ihr Name?“ fragte die Frau am anderen Ende. „Lilian Grace.“ antwortete ich. Es folgte ein Moment der Stille, der mich verwirrte. Bevor ich fragen konnte, sprach sie weiter: „Ich verstehe… Wir haben bereits auf Ihren Anruf gewartet, Fräulein.“ „Was?“ blinzelte ich verwirrt. „Sie rufen vermutlich wegen der Sekretärinnenstelle bei Luminous Works an. Lilian Grace, richtig? Ihre Unterlagen wurden bereits geprüft.“ Mein Herz setzte einen Schlag aus, Verwirrung wirbelte in mir. Sekretärinnenstelle? Unterlagen geprüft? Ich hatte mich nirgends beworben! Aber konnte ich das sagen? Ich wog meine Möglichkeiten ab. Sollte ich vorerst mitspielen? Ich holte tief Luft, sandte ein stilles Gebet und traf meine Entscheidung. „Ja“, antwortete ich, meine Stimme jetzt fester, mit einem Hauch von Neugier. „Ich… nehme ich an?“ Meine Stimme kletterte unsicher nach oben. Die Person fuhr unbeirrt fort: „Sehr gut. Wir vereinbaren einen Termin für Sie morgen. Seien Sie pünktlich da.“ Eine Adresse wurde genannt. Ich konnte kaum folgen, schwindelig von der plötzlichen Wendung. Bevor ich weitere Fragen stellen konnte, wurde das Gespräch abrupt beendet und ließ mich mit offenem Mund auf mein Handy starren. Was war gerade passiert? Fragen schossen mir durch den Kopf. Wie war Luminous Works an meine Unterlagen gekommen? Wer hatte das alles arrangiert? Diese Fragen wirbelten in meinem Geist wie ein Puzzle mit fehlenden Teilen. Ich sah noch einmal auf die glänzende Karte. Am Ende – konnte ich wirklich all diese Fragen beantworten? Vor allem, wenn sich mir gerade eine Chance bot? Ich straffte die Schultern und umklammerte die Karte fester. Morgen würde ich hingehen. Wenn schon nicht für etwas anderes, dann wenigstens für Antworten. „Morgen…“, murmelte ich in die Stille und blickte auf die Karte und den Umschlag hinunter. Das waren keine bloßen Andenken an jene schicksalhafte Nacht mehr. Es war eine Tür, die sich zu etwas anderem öffnete – etwas Beängstigendem. Etwas Neuem. Und vielleicht war genau das, was ich brauchte. Während ich darauf hinabsah, begann die Hoffnung erneut in mir aufzublühen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD