Hoffnung

1085 Words
Lily 1 MONAT SPÄTER Ich starrte auf denselben Gegenstand, den ich vor einem Monat gefunden hatte. Das einzige Relikt aus jener geheimnisvollen Nacht im Hotel, als ein Fremder mich für eine Nacht voller Verlangen entführt hatte. Dieses Rätsel war der einzige Lichtblick inmitten der Dunkelheit – besonders nach dem, was früher heute passiert war. …… FRÜHER HEUTE Ich stand kerzengerade vor den vielen Augen, die mich musterten, ein zittriges Lächeln auf den Lippen, während ich versuchte, die kalte Erkenntnis wegzublinzeln, die sich in meine Adern fraß. Die Männer und Frauen, die mir beim Vorstellungsgespräch gegenübersaßen, strahlten dieselbe Anspannung aus und betrachteten mich, als käme ich von einem anderen Planeten. Es hatte gut angefangen. Begrüßungen wurden ausgetauscht, höfliche Floskeln gewechselt. Meine Qualifikationen hatten ihre Aufmerksamkeit erfolgreich auf sich gezogen. Während ich von meinen bisherigen Erfahrungen und meinen Zukunftsplänen sprach, gab es zustimmendes Nicken und hin und wieder ein ermutigendes Lächeln. Die Atmosphäre war professionell, die Fragen klar und direkt – und mit versteckter Freude keimte Hoffnung in mir auf. Aber dann… Plötzlich veränderte sich die Stimmung auf subtile Weise. Ich bemerkte es, mein Herz sank ein wenig, als sie auf meinen Lebenslauf hinuntersahen. „Lilian… Grace.“ Die schwarzhaarige Frau in der Mitte zog meinen Namen in die Länge. Ich spürte die Anspannung in ihrer Stimme. Plötzlich war ihr Blick, der zuvor warm und einladend gewesen war, distanziert geworden – und, wagte ich zu denken, kalt. Die Veränderung war jetzt offensichtlich. Stille und Anspannung senkten sich über den Raum. Ich beobachtete, wie die Leute um mich herum verstohlene Blicke wechselten, in einer stillen Sprache kommunizierten, die mir verschlossen blieb. Ihre Brauen zogen sich zusammen, ein flüchtiger Ausdruck von Unbehagen huschte über ihre Gesichter. Es war nur eine Reaktion im Bruchteil einer Sekunde, doch ich hatte sie trotzdem bemerkt. Als sie sich wieder zu mir umdrehten, lächelte die Frau vorne etwas ruckartig. „Lassen Sie uns fortfahren“, sagte sie. Sie machten weiter wie zuvor, aber es war zu spät. Das Gespräch wurde stockend, die positive Energie war verpufft und hatte einer spürbaren Unruhe Platz gemacht. Eine nach der anderen beantwortete ich die verbleibenden Fragen, während sich in meiner Brust ein Gefühl der Niederlage ausbreitete. „Wir melden uns in ein paar Wochen bei Ihnen“, verabschiedete sie sich. Egal wie positiv die Worte klangen – ich sah es deutlich in ihren Augen. Auf allen Gesichtern. Ich würde den Job nicht bekommen. Jetzt, auf dem Weg zurück in meine Wohnung, konnte ich nicht anders, als das Gespräch in Gedanken wieder und wieder durchzugehen. Ich zerpflückte jedes gesprochene Wort, jede Geste. Es änderte jedoch nichts. Das Ergebnis war immer dasselbe. Jedes. Einzelne. Mal. Stunden später öffnete ich lethargisch die Augen nach einem unruhigen Schlaf. Das Abendlicht fiel schwach durch die dünnen Vorhänge und warf ein mattes Leuchten durch meine Wohnung. Als ich aus dem Bett stieg, hing die Luft schwer. Mein Blick wanderte über die zusammengewürfelten Möbel in meinem Schlafzimmer, während ich hindurchging. Der Couchtisch trug die Spuren unzähliger Teetassen und Notizbücher. Der abgenutzte, aber gemütliche Sessel am Fenster hatte mich durch meine schlimmsten Momente getragen. Die Wände in sanften Lavendeltönen waren Zeugen meines Glücks, meiner Traurigkeit und allem dazwischen geworden. Gerahmte Fotos schmückten meinen Raum, eingefrorene Augenblicke voller Freude. Ich blieb vor einem stehen: ein schönes Bild von Malina und mir, beide Gesichter voller Lachen. Es erinnerte mich an einfachere Zeiten. An eine Zeit, in der ich mich unbesiegbar fühlte, als könnte ich die Welt erobern. An der hinteren Wand stand eine Reihe Bücherregale, gefüllt mit Büchern. Sie waren meine Gefährten in schlaflosen Nächten und einsamen Nachmittagen gewesen und hatten mir Flucht in ferne Welten ermöglicht. Und dann war da noch der Spiegel im Badezimmer, vor dem ich jetzt stand, mir Wasser ins Gesicht spritzte und dann mein Spiegelbild anstarrte. Dieses Gesicht, das das Gewicht unzähliger Bewerbungen, endloser Absagen und der erdrückenden Umklammerung der Verzweiflung trug. Ich beugte mich näher heran, meine Augen folgten den Linien, die sich in mein Gesicht gegraben hatten. Die Schatten unter meinen Augen, verdunkelt durch schlaflose Nächte und die Angst vor dem Ungewissen. Der Spiegel war ein gnadenloses Abbild meines wachsenden Selbstzweifels. Die dicken Tränensäcke unter meinen müden grünen Augen und meine zerzausten blonden Haare spiegelten meine Frustration perfekt wider. Meine Gedanken kehrten zum heutigen Vorstellungsgespräch zurück – eines von vielen. Es begann immer vielversprechend, doch irgendetwas änderte sich immer zwischendurch. Am Ende stand immer dasselbe enttäuschende Ergebnis: eine höfliche Absage per Mail, ein entschuldigender Anruf oder schlimmer noch – ohrenbetäubendes Schweigen. Insgesamt waren es jetzt vier Wochen, fast ein Monat seit meinem Geburtstag. Wo ich einst gehofft hatte, schnell einen neuen Job zu finden, wurden meine Zukunft und meine Hoffnungen mit jedem Tag düsterer. Die Welt draußen fühlte sich viel kälter an, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich blickte in meine eigenen Augen, die einst vor Optimismus strahlten und nun von Unsicherheit getrübt waren. Die erbarmungslosen Fragen hallten in meinem Kopf wider. Sage ich die falschen Dinge? Wo habe ich zwischendurch alles vermasselt? Was bringt sie immer wieder dazu, ihre Meinung zu ändern? Liegt es an der Firma? An meinem Aussehen? Oder liegt es an… Scharfe Hitze stieg mir in die Augen, als Tränen aufstiegen. Ich schluckte den schweren Kloß in meinem Hals hinunter und wagte es, diese Worte in Gedanken zu formulieren. ‚Liegt es an mir? Bin ich nicht gut genug?‘ Ich sackte gegen den Waschtisch, klammerte mich an die Kante, als wäre sie meine Rettungsleine. Meine Hände zitterten, Tränen drohten zu fallen. Die Gefühle, die ich so lange unterdrückt hatte, brachen an die Oberfläche. Ein tobendes Meer aus Frustration, Selbstmitleid und nagender Angst vor der Zukunft. Das Gewicht von allem hing wie ein Fallbeil über meinem Kopf. Es war zu viel, um es zu ertragen. Ich war so kurz davor, nachzugeben, als ich mich selbst stoppte. „Nein“, flüsterte ich mir zu. Ich kniff die Augen fest zusammen und kämpfte die brennenden Tränen zurück. Als ich wieder aufsah, sammelte ich die letzten Reste meiner Entschlossenheit. „Es wird besser werden. Ich weiß nicht wann oder wie, aber es wird besser werden.“ sagte ich zu meinem Spiegelbild – leise Selbstzusicherungen, nur in dem kühlen Raum gesprochen. „Es muss.“ hoffte ich leise. Ich atmete tief ein, richtete mich auf, meine Augen trafen noch einmal die im Spiegel. Nach einem letzten Blick wandte ich mich ab, schloss die Badezimmertür und ging zur Kommode. Ich öffnete die Schublade und blickte auf den Gegenstand, der in der versteckten Tasche jenes teuren Kleides gelegen hatte.
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